Wilhelm Mastaler       

Historisches rund um die Stadt Güstrow       


 

Geschichte der katholischen Gemeinde Güstrow


(1999)

Luftansicht 2008   Aktuelle Ansicht 2011

Zum Vergrößern die Bilder anklicken !

Im Jahre 1953 schrieb der damalige Güstrower Pfarrer August Niemeyer:

" Wer auf Güstrower Boden einige Fuß tiefer gräbt, stößt auf katholischen Grund " (1).

Und damit hatte er nur zu recht. War doch bis zur Reformation das Land Mecklenburg nach seiner Besiedelung durch deutsche Einwanderer aus dem niedersächsischen Raum im 13. Jahrhundert ein katholisches Gebiet. Nach den Siegen Heinrich des Löwen, des Sachsenherzogs, über die slawischen Herrscher des Landes in den Jahren 1147 bis 1181 begann mit den deutschen Siedlern auch die Missionierung des Landes. Zu diesem Zwecke errichteten die mecklenburgischen Fürsten die Klöster Doberan, Neukloster, Dobbertin und Malchow. In Güstrow wurde im Jahre 1226 durch den Fürsten Heinrich Borwin II. von Rostock mit Zustimmung seines Vaters und seiner Söhne - wahrscheinlich im Schutze einer damals bereits bestehenden fürstlichen Burg - ein Kollegiatsstift für 10 Kanoniker nach der Hildesheimer Ordnung eingerichtet (2). Zur Sicherung ihrer Versorgung erhielt das Stift die Dörfer Gutow, Bölkow, Ganschow und Dehmen sowie den Gutower See.
Die zu erbauende Kollegiatskirche - die heutige Domkirche - sollte zu Ehren der Mutter Maria, des Evangelisten Johannes und der Jungfrau Cäcilie geweiht werden. Aufgabe des Kollegiatsstiftes, das unter Mitwirkung des Schweriner Bischofs Brunward gegründet wurde, war die Ausbildung von jungen Klerikern für die Missionierung der einheimischen Bevölkerung im Grenzgebiet zu den unter pommerscher Herrschaft stehenden östlichen Landes teilen.
Nachdem vermutlich kurz vor dem Jahre 1228 dem Ort Güstrow das Stadtrecht verliehen worden war, unterstellten sich die Kanoniker mit Zustimmung des Fürsten 1230 dem Bischof Conrad von Cammin (in Vorpommern) und schieden damit aus dem Schweriner Bistum aus (3). Alle Versuche des Bischofs Brunward, Güstrow mit dem Kollegiatsstift wieder unter seine Aufsicht zu bekommen, waren erfolglos und wurden 1247 durch einen Vergleich beendet. Die letzten Ansprüche des Schweriner Bischofs auf sein ehemaliges Hoheitsgebiet wurden erst im Jahre 1260 durch päpstliche Entscheidung abgelehnt.
Die Grenze zwischen den Bistümern Schwerin und Cammin wurde nördlich der Stadt durch den Verlauf der Nebel gebildet, westlich der Stadt gehörte bereits das Dorf Parum zum Bereich des Schweriner Bischofs. Durch diese Grenzziehung kam aber auch die Kirche der "alten Stadt Güstrow", die nördlich der Nebel an der heutigen Neukruger Straße lag und 1243 bereits genannt wurde (4), zum Schweriner Bistum. Diese Grenzziehung, die mitten durch das Gebiet der Stadt Güstrow führte, war noch viele Jahre der Anlaß zu Streitigkeiten zwischen dem Kollegiatsstift und den Bischöfen von Schwerin, da auch vielfach die regierenden Herzöge diese Grenzen nicht beachteten.

Heinrich Borwin II. 1170-1226   Güstrower Stadtansicht aus dem Jahr 1726   Domansicht der Südseite 2006   Domansicht aus dem Jahr 1917

      Link zur Homepage des Güstrower Doms   

Die Aufgaben des Güstrower Kollegiatsstiftes waren nicht gerade leicht. Sollte doch den slawischen - und damit noch heidnischen - Bewohnern der christliche Glaube vermittelt werden, der in ihrem Lande "mit dem Schwert" eingeführt worden und noch lange Jahrhunderte - teilweise bis in unsere heutige Zeit - mit dem Erbe heidnischer Vorstellungen durchsetzt war.
Trotzdem entwickelte sich bald - soweit uns die Quellen darüber Auskunft geben - in der Stadt ein reiches kirchliches Leben. So erwähnen die Urkunden im Jahre 1308 erstmalig die Pfarrkirche der Stadt (5), die sicher aber älter war. War doch der Dom dem Kollegiatsstift und den Burgleuten vorbehalten, stand auf der "Domfreiheit", die nicht zum Stadtgebiet gehörte und besaß eine eigene Gerichtsbarkeit. Mit der Pfarrkirche verbunden war das das Heilig - Geist - Hospital, in dem 1313 an einem Tragaltar die Messe gefeiert werden durfte (6). Dieses lag schon damals am heutigen Hl. Geist - Hof in der Gleviner Straße und war für die Aufnahme von Armen und Kranken vorgesehen. Ursprünglich als kirchliche Einrichtung errichtet, kam das Hospital bald unter die Aufsicht des Magistrates der Stadt. Eine Kirche wurde dort im Jahre 1430 errichtet. Der heutige Bau stammt aus dem Jahre 1564 und wurde 1862/63 gründlich renoviert (7).
Nach einem Judenprogrom, zu dem es 1330 in Güstrow gekommen war (8), ging auch die Synagoge am heutigen Klosterhof in Flammen auf. An dieser Stelle wurde 1332 die Hl. Bluts - Kapelle (oder Fronleichnams - Kapelle) errichtet, in der die von den Juden angeblich durchstochene und blutende Hostie verehrt wurde. Diese Kapelle wurde bald zum Mittelpunkt von Wallfahrten aus allen Gegenden des Landes und damit zu einer bedeutenden Einnahmequelle des Domkapitels und des herzoglichen Hauses, die sich die gespendeten Almosen redlich teilten. Durch den ersten großen Stadtbrand im Jahre 1503 wurde auch diese Kapelle zerstört. An ihrer Stelle erbaute Herzog Heinrich V. im Jahre 1509 gegen den Widerstand des Domkapitels ein Franziskanerkloster (9), das im Zuge der Reformation aufgelöst wurde. Geblieben ist nur noch der Name dieses Platzes: der "Klosterhof".
Neben dem Heilig - Geist - Hospital wurde 1344 auch bereits das St. Jürgen- (oder St. Georgs-) Hospital genannt (10). Dieses lag vor den Mauern der Stadt nördlich der Nebel und war für die Aufnahme von Kranken vorgesehen, die vom Aussatz befallen waren (Lepra). War doch diese Krankheit durch die Kreuzfahrer in das Land gebracht worden. Dieses Hospital war bald der Anlass zu einem heftigen Streit zwischen den Domherren und den Fürsten, da es nördlich der Nebel im Bereiche des Bistums Schwerin lag. Die Kapelle dieses Hospitals, das an dem heutigen Platz des Jugendhauses (Rostocker Straße 30) lag, wurde bereits 1345 genannt. Nach dem Verschwinden des Aussatzes in unserem Lande um 1500 diente das Hospital zur Aufnahme von Pestkranken und anderen Stadtarmen und verfügte zum Unterhalt über einen ausgedehnten Landbesitz. Eng verbunden mit dem St. Jürgens - Hospital war die in der Nähe an der Neukruger Straße liegende Kirche "der alten Stadt Güstrow" (11). Da die "alte Stadt", deren Kirche vielleicht sogar älter war als die heutige Pfarrkirche, sehr schnell an Bedeutung verloren hatte, wurden beide Gotteshäuser später von einem Geistlichen gemeinsam betreut, bis von der Kirche der alten Stadt nach 1395 nur noch der Friedhof erhalten war (12).
Im Jahre 1429 wurde erstmalig ein drittes Hospital in Güstrow vor dem Hageböcker Tor erwähnt: das St. Gertruden - Hospital mit seiner Kapelle (13), die 1430 zu Ehren der hl. Gertrud von Nivelle geweiht worden war, der Patronin der Armen, Witwen, Gefangenen und Pilger. Hauptsächlich war das Hospitals wohl für durchreisende Pilger gedacht. Wahrscheinlich gingen die Gebäude und die erste Kapelle bei den Stadtbränden 1503 bis 1512 unter. Der heute dort vorhandene Kapellenbau wurde anscheinend bald danach als provisorischer Fachwerkbau errichtet und dient - nach vielen Umbauten - heute als Barlach - Gedenkstätte. Das diese Kapelle noch erhalten ist, verdankt sie dem Umstande, dass der Herzog Heinrich 1539 Bestattungen auf dem Kirchhof der Güstrower Pfarrkirche verbot (14). Es durfte dafür nur noch der Friedhof von St. Gertruden benutzt werden, der damit zum Stadtfriedhof wurde.
Neben diesen kirchlichen Zentren schlossen sich die Bürger der Stadt zu einer Vielzahl von geistlichen und weltlichen Bruderschaften zusammen. Zu diesen gehörten: Die Kalands - Bruderschaft (15), die Bruderschaften St. Bartholomäus, St. Gregori und Augustini, St. Katharina, der Hl. Drei Könige, St. Christophori und der 11000 Jungfrauen und andere. Sie dienten mit ihren Stiftungen und Zusammenkünften besonders dem Gedächtnis der Verstorbenen.

Die beherrschende Rolle im kirchlichen Leben der Stadt spielte jedoch das Domkapitel. Hatte es sich doch vom Herzog das Privileg geben lassen, dass ohne seine Zustimmung auf dem Gebiet der Stadt keine Kirche oder Kapelle errichtet und kein Geistlicher eingesetzt werden durfte (16). Alle Bemühungen der Stadt, die Pfarrkirche aus dieser Abhängigkeit zu lösen, waren erfolglos geblieben. Durch viele Schenkungen hatte sich der Besitz der Domherren so stark erhöht, dass sie zum "Geldinstitut" der Stadt und der umliegenden Grundbesitzer geworden waren. Im gleichen Zuge lockerten sich auch, trotz aller Ermahnungen (17), die Sitten und Gebräüche der Domherren und ihrer Vikare, die für diese die kirchlichen Verpflichtungen an den vielen Altären der Kirchen ausübten. Neben einer gesteigerten Frömmigkeit, die sich in Stiftungen nicht genug tun konnte, standen weitgehend eingerissene Mißstände in der Kirche. Durch diese waren alle bisherigen Reformversuche gescheitert. So kam es dann auch in Güstrow zur Durchführung der Reformation und zur Annahme der Lehre Martin Luthers.

Ostern 1524 stand erstmalig in der Hl. Geist - Kirche ein evangelischer Prediger auf der Kanzel, der aber die Stadt wieder verlassen musste, nachdem die Domgeistlichen die Sturmglocke läuten ließen (18). Aber schon 1525 gestattete Herzog Albrecht die evangelische Predigt im Dom vor und nach der katholischen Messe. 1533 wurde den Protestanten bereits der Frühgottesdienst in der Pfarrkirche eingeräumt und 1534 die Pfarrkirche ganz den Protestanten überlassen. Im Jahre 1548 wird gegen den Widerstand der Kanoniker Gerd Oemike als Superintendent im Dom eingesetzt. Er darf aber dort noch nicht predigen, sondern nur in der Pfarrkirche. Die endgültige Entscheidung für die Durchführung der Reformation erfolgte 1549 auf dem Landtag an der Sagsdorfer Brücke bei Sternberg (19). Mit der letzten in Güstrow gefeierten katholischen Messe im Jahre 1552 schien der alte Glaube gestorben zu sein.
Die lutherische Lehre wurde zur Staatsreligion erklärt. Oberster Kirchenherr war mit der Einverleibung des kirchlichen Grundbesitzes der Landesherr, der nach dem Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 über das religiöse Bekenntnis seiner Untertanen zu bestimmen hatte. So wurde jede Ausübung der katholischen Religion verboten, das Domkapitel und das Franziskanerkloster aufgelöst (20), die Kirchen von allen "abergläubischen Dingen" befreit. Die letzten Domherren beugten sich dem neuen Glauben mit Ausnahme des Rektors der Domschule Thomas Thomae, der seiner Ämter enthoben wurde und das Land verlassen musste (21). Auf Weisung des Herzogs Johann Albrecht wurden die Kirchen vor der Stadt abgebrochen, um mit dem Material eine neue Stadtschule zu erbauen. Damit wurde wohl auch die Kapelle von St. Jürgen dem Erdboden gleich gemacht.
Trotz aller Repressalien glimmten aber unter der Oberfläche immer noch Spuren des alten katholischen Glaubens, wurden doch noch viele vertraute religiöse Gebräuche und Handlungen weiterhin ausgeübt, z.B. der Gebrauch der Meßgewänder, des Beichtstuhles, sowie die teilweise Verwendung der lateinischen Sprache. So waren große Teile des Hauptgottesdienstes noch der lateinischen Messe entnommen. Manche Leute - besonders auf dem Lande - waren deshalb der Ansicht, es handele sich bei der Reformation nur um eine Beseitigung von Mißständen in der alten Kirche.
Im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges besetzten 1627 kaiserliche Truppen unter dem katholischen General Wallenstein das Land Mecklenburg. Wallenstein selbst regierte zwei Jahre lang im Güstrower Schloß und ließ durch seinen Feldkaplan in der Schloßkapelle, die Herzog Ulrich 1510 eingerichtet hatte, 1628/29 katholischen Gottesdienst für sein Gefolge feiern (22). Die evangelische Religionsausübung der Bevölkerung tastete er entgegen allen Befürchtungen nicht an, obgleich ihm als Landesherr das Recht zugestanden hätte. Er hatte nur gefordert, dass in das Kirchengebet an Stelle der Fürbitte für die alten Landesherrn ein Gebet für ihn eingeschaltet wurde: was die Geistlichen aber nicht hinderte, anschließend auch für ihre abgesetzten Fürsten zu beten. Wallenstein verließ nach kurzem Aufenthalt die Stadt Güstrow, um sie nie wieder zu betreten. Er wurde 1630 seiner Ämter enthoben und 1634 in Eger ermordet. Langfristig hatte er wohl doch mit dem Gedanken gespielt, Mecklenburg wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen. Darauf deutet vielleicht sein Versuch, in der Stadt eine von Jesuiten geleitete Ritterakademie (23) zu errichten.

Nach Beendigung des Krieges 1648 durch den Westfälischen Frieden kam es in den 80er Jahren zu einem Versuch des Wiener Bischofs Christoph de Spinola (24), Kontakte mit dem Güstrower Herzog anzuknüpfen, um in Glaubenssachen noch etwas für die katholische Kirche zu retten. Herzog Gustav Adolph aber verbot alle derartigen Bestrebungen.
Im Jahre 1658 hatte in Schwerin der Herzog Christian die Regierung übernommen. Er hielt sich überwiegend in Frankreich auf, war dort aus politischen und taktischen Gründen 1663 zur katholischen Kirche übergetreten und nannte sich jetzt - aus Verehrung für seinen Firmpaten, den König Ludwig XIV. - "Christian Louis" (25). Auf seinen Antrag hatte der Reichstag ihm 1665 erlaubt, in der Schweriner Schloßkirche wieder katholischen Gottesdienst feiern zu lassen. Wegen des heftigen Widerstandes seiner Brüder und der Landstände ist es dazu aber nicht gekommen. Als er 1772 mit seiner französischen Germahlin wieder in Schwerin eintraf, befanden sich in seiner Begleitung der Abbe de Ledignan und Pater Steffani aus dem Wiener Ordenshaus der Augustiner, die in der Schlosskirche regelmäßig Gottesdienst hielten.

Niels Stensen   Niels Stensen Bronze in der Güstrower Kirche

Der neue Apostolische Vikar der Nordischen Missionen, der Bischof und Wissenschaftler Niels Stensen, erhielt vom Herzog 1685 die Erlaubnis, nach Schwerin zu kommen, durfte aber nur als einfacher Geistlicher auftreten. Sein Wirken war aber nur von kurzer Dauer, da er bereits 1686 in Schwerin starb (26). Mit dem Tode des Herzogs Christian Louis 1692 hörte auch der katholische Gottesdienst in der Schweriner Schlosskapelle auf.
In der Zwischenzeit waren jedoch einige bedeutende Personen aus der Umgebung des Güstrower Herzogs Gustav Adolph zum katholischen Glauben zurückgekehrt, unter ihnen 2 Söhne des Landmarschalls von Hahn (27) auf Basedow (am Malchiner See). Durch ihre Vermittlung kam 1673 der Hildesheimer Jesuitenpater Sevenstern an den Güstrower Hof (28). Nachdem er einige Male mit dem Herzog gesprochen hatte, erklärte dieser seinem Hofprediger, dass die Gründe des Paters "nicht auf schlechtem Fuße" stünden. Dem Einfluß seiner Gemahlin, der Herzogin Magdalena Sibylla (ihr Witwensitz war später "Magdalenenlust" am Inselsee), soll es jedoch gelungen sein, ihrem Gemahl die "katholischen Gedanken" wieder auszureden.
Im Verlaufe der Zeit waren jedoch immer mehr katholische Hofbeamte, Handwerker und Kaufleute nach Mecklenburg gezogen. Da sich darunter auch einige angesehene Personen aus dem Umfeld des Herzogs befanden, hatte dieser 1681 verfügt:
" Da einige / so wol von Unsern Eingesessenen und Unterthanen / als andern / die sich theils in Unsern Diensten / theils sonst ihres gewerbs und Handtierung halber darin aufhalten / und der reinen Evangelischen Religion / nach Inhalt der Augsburgschen Confession / nicht zu gethan seyn / eine Zeithe ro unterstanden / das exercitium in ihrer Religion mit Messe lesen / Communion halten / Predigen und dergleichen ungescheut / ohn unser vorbewust und Bewilligung / zutreiben / einige derselben auch wolgar unser Religion verwandten von der in unsern Lande überall in schwange gehenden reinen christlichen Lehre liederlich / und von denen umb die Kirche Gottes hochverdienten Lehrern / insonderheit Luttero und andern hocherleuchteten Männern / schimpfflich und gar verächtlich von Religions sachen zu reden / wodurch allerhand ärgernis gegeben und ein und ander / sonderlich die einfältigen / irre gemachet und leicht verführet werden können / .... " (29).

Wegen der zunehmenden Zahl von Katholiken im Lande erhielt auf ihre Bitte die Lübecker Filiale des Jesuitenordens im Jahre 1709 die Erlaubnis, in Schwerin eine Missionspfarrei zu errichten. Der erste ständige Geistliche war dort der Pater Gerhard Dumont. Er dehnte seine Reisen bald bis nach Stralsund aus und hielt bereits jährlich einmal Gottesdienst in Bützow und - aus Anlass des Pfingstmarktes - auch in Rostock. Dabei war er auch nach Güstrow gekommen, denn auf Ersuchen einiger Güstrower Katholiken hielt im Jahre 1732 der Notar Gottlieb Queck protokollarisch fest, dass seit 1717 der Pater Dumont aus Schwerin einmal im Jahr "in aller Stille" in einer Privatwohnung die hl. Kommunion ausgeteilt habe (30). Die unterzeichneten sechs Zeugen erklärten, dass der Rat der Stadt dieses stillschweigend geduldet hätte. Wahrscheinlich sollte mit diesem Schreiben der Herzog gebeten werden, auch für Güstrow einen ständigen Gottesdienst zu erlauben. Der Antrag wurde dem Herzog aber wohl nie vorgelegt.
Zu den Zeugen dieses Dokumentes gehörte auch der Güstrower Kaufmann Crotogino, der einen Fernhandel mit Getreide betrieb und dazu über eigene Schiffe auf der Ostsee verfügte (31). Als diese unter dem Schutz und der Flagge der Stadt Güstrow segeln sollte, verweigerte der Herzog seine Zustimmung, da er weder sich noch die Stadt in den gerade ausgebrochenen Krieg zwischen Rußland und Schweden hineinziehen lassen wollte.

Der im Jahre 1837 verstorbene Großherzog Friedrich Franz I., der für seine pietistische Einstellung bekannt war, hatte eine besondere Zuneigung zur katholischen Religion. So stammt von ihm die Aussage: " Ich werde besonders die beiden Religionen aufrechtzuerhalten suchen, die eine, weil sie mir nach meinem Beruf und Geburt bestimmt ist, und die andere, weil sie mir zum Vorbilde der Festigkeit des Glaubens stets dienen wird " (32). Dem entsprach auch, dass sein jüngster Sohn Adolf († 1821) und seine Tochter Charlotte zur katholischen Kirche übertraten.
Obgleich im Jahre 1811 die katholische Religion in Mecklenburg offiziell wieder zugelassen wurde, konnte von einer ungehinderten Religionsausübung immer noch keine Rede sein. Für alle religiösen Handlungen war weiterhin die Genehmigung der Landesregierung erforderlich. So hatte 1821 der Großherzog angeordnet, dass die aus einer Ehe zwischen einem katholischen und einem evangelischen Partner stammenden männlichen Kinder in der Religion des Vaters, die Mädchen jedoch in der Religion der Mutter erzogen werden sollten. Ausnahmen gab es nur, wenn nachweislich bereits vor der Ehe darüber eine schriftliche Vereinbarung zwischen den Brautleuten getroffen worden war.

Im Vergleich zu der protestantischen Bevölkerung stellten die Katholiken in Mecklenburg zu dieser Zeit nur eine verschwindende Minderheit dar (33). Seit 1841 übte der Bischof von Osnabrück die Jurisdiktion über das Apostolische Vikariat der Nordischen Mission, und damit auch über Mecklenburg, aus. Um diese Zeit lebten in ganz Mecklenburg etwa 700 Katholiken, die von drei Priestern betreut wurden. Zwei von ihnen wohnten in Schwerin, der dritte hatte seinen Sitz in Ludwigslust (34).
Die katholische Religion wurde jedoch nur widerwillig in unserm Lande geduldet. Als z.B. im Jahre 1852 der Freiherr von der Kettenburg auf Matgendorf (bei Teterow) zur katholischen Kirche übertrat, wurde umgehend sein Hauskaplan des Landes verwiesen. Die Großherzogliche Regierung berief sich dabei auf einen Beschluss der Stände vom Jahre 1549, dass "die röm. kath. Religionsausübung in Unseren Landen nicht zu gestatten" sei, soweit nicht eine besondere landesherrliche Erlaubnis dafür vorliege (35). Und obgleich im Jahre 1874 das Reichszivilstandsgesetz die Glaubensfreiheit vorschrieb, forderte die großherzogliche Regierung, dass weiterhin alle Beamten des evangelischen Glaubens sein mussten.

Doch zurück zur Lage in unserer Stadt Güstrow. Nach den Volkszählungslisten des Jahres 1819 lebten hier bereits 26 Katholiken, überwiegend kleine Kaufleute und Handwerker aus Süddeutschland und Böhmen. Ihre Zahl hatte sich im Jahre 1882 schon auf 82 erhöht. Nachdem sich anläßlich einer Beerdigung durch den Rostocker Pfarrer Brinckwirth (Rostock hatte bereits seit 1737 wieder eine katholische Gemeinde) 12 Güstrower Katholiken verpflichtet hatten, regelmäßig an einem Gottesdienst teilzunehmen, gab die Schweriner Regierung hierzu ihre Zustimmung. So konnte am 9. August 1885 erstmals wieder katholischer Gottesdienst in Güstrow gehalten werden - also 330 Jahre nach der Reformation. Die hl. Messe wurde jetzt alle sechs Wochen in einem Klassenzimmer der Bürgerschule am Domplatz gefeiert, abwechselnd durch einen Geistlichen aus Rostock und Schwerin. Zu den Teilnehmern gehörten bereits verschiedene Arbeiter der alten Zuckerfabrik in der Speicherstraße und Bewohner der umliegenden Güter bis Teterow, Malchin und Stavenhagen, die es sich nicht nehmen ließen, zu diesem Zweck nach Güstrow zu kommen.

Ludwig Brinkwirth   Wilhelm Leffers   Evangelisches Gemeindehaus in der Plauer Strasse   Schule am Heilig-Geisthof

Dieses Klassenzimmer reichte aber bald nicht mehr aus, um alle Gottesdienstbesucher zu fassen. Deshalb bat Pastor Brinckwirth 1896 den Vorstand der Armen - Freischule am Heiligengeisthof um überlassung des dortigen Schulsaales (36), da er mit einem weiteren Zuzug katholischer Arbeiter für den Kanalbau Güstrow - Bützow rechnete. Diesem Gesuch stimmte auch der Magistrat der Stadt zu. Jetzt setzte aber ein starker Zustrom polnischer Schnitter ein, die als Wanderarbeiter in der Erntezeit auf den umliegenden Gütern eingesetzt wurden. Dadurch reichte der große Schulsaal auch nicht mehr aus, sodass noch ein weiteres Klassenzimmer mit dem Flur und dem Treppenhaus einbezogen werden musste. Wegen dieser polnischen Saisonarbeiter, die Sonntags mit ihren bunt geschmückten Erntewagen in die Stadt kamen, bezeichneten die protestantischen Bürger bald alle Katholiken als "polnische Schnitter".
Der Schulverwaltung paßte dieser "Aufmarsch" aber gar nicht, da es sich nach der Güstrower Schulverfassung ausdrücklich um "evangelische Schulen" handelte. Sie versuchte deshalb bereits 1905, den Gottesdienst aus der Schule zu verdrängen mit der Begründung, die Schnitter würden die "epidemische Genickstarre" einschleppen. Aber darüber konnte sogar der Schulrat nur lächeln. Einen weiteren Versuch unternahm der Schuldirektor 1914 mit der Beschuldigung, die Schnitter würden am Sonntag die Toiletten der Schule so verschmutzen, dass sie von den Schülern am darauf folgenden Montag nicht benutzt werden könnten. Der Schuldiener jedoch musste den Direktor berichtigen und erklärte, dass die Aborte jeden Sonntag nach dem Gottesdienst von einer katholischen Arbeiterfrau gereinigt würden. Der Herr Direktor sollte sich etwas mehr um die Beaufsichtigung seiner Schüler bemühen.
Trotzdem untersagte die Bürgervertretung 1919 die weitere Benutzung des Saales in der Hl. Geist - Schule für den Gottesdienst und stützte sich dabei auf ein Gutachten des Kreisarztes (37). Jetzt aber stellte entgegenkommender Weise die evangelische Domgemeinde den Saal ihres damaligen Gemeindehauses in der Plauer Straße 73 (Ecke Goldberger Straße) zur Verfügung. Das war natürlich nur eine Notlösung, die den Wunsch der Gemeinde nach einem eigenen Gotteshaus nur verstärkte.

Ein besonderer Schwerpunkt in diesen Jahren war die Abhaltung des Religionsunterrichtes für die Kinder, um den sich in besonderer Weise der Rostocker Pfarrer Leffers bemühte. Das Großherzogliche Justiz-Ministerium hatte ihm 1904 gestattet, in der Zeit von Neujahr bis Ostern in Rostock eine Privatschule für katholische Kinder zu eröffnen. Dort konnten auch auswärtige Kinder untergebracht und nicht nur im Katechismus, sondern auch in allen anderen Schulfächern unterrichtet werden. Die Klassenlehrer bestätigten später, dass die drei Güstrower Schüler von dort mit guten Leistungen und Zeugnissen zurückgekommen wären.
Da diese "Privatschule" auch keine Dauerlösung war, wurde der Religionsunterricht in Güstrow ab 1905 jeden Donnertag Nachmittag in einem Klassenzimmer der Hl. Geist - Schule abgehalten. Hierzu hatte der Güstrower Bürgermeister auch seine mündliche Zustimmung erteilt, denn das Schweriner Ministerium hatte bereits 1874 bestimmt, dass katholische Schüler nicht zur Teilnahme am evangelischen Religionsunterricht oder zum Lesen konfessionell lutherischer Lehrstücke angehalten werden dürften.
Doch jetzt machte die Schulverwaltung Einwände geltend, da für diesen Religionsunterricht eine großherzogliche Genehmigung nicht vorlag. Daraufhin wurde bestimmt, dass
1) nur Kinder aus dem Stadtgebiet am Religionsunterricht teilnehmen dürften (vom Bauhof z.B. nicht),
2) in jedem Einzelfalle der Schulvorstand vorher zu prüfen hätte, ob die Vorraussetzungen zur Teilnahme am katholischen Religionsunterricht auch tatsächlich gegeben seien.

Nach einigem Hin und Her einigte sich Pfarrer Leffers im Jahre 1909 mit der Güstrower Schulverwaltung über das Genehmigungsverfahren. Danach musste er für jedes Kind einen schriftlichen Antrag stellen. Erst nach Prüfung und Genehmigung durfte der Vikar Hemesaat, der spätere Güstrower Pfarrer, den Kindern den Religionsunterricht erteilen. Glücklicherweise haben sich diese Anträge aus den Jahren 1909 bis 1919 in den Schulakten des Stadtarchivs erhalten.
Pfarrer Leffers hatte bereits 1907 für 20.000,- M vorsorglich das Grundstück in der Grünen Straße 23-25 zu einem geplanten Bau einer Kirche erworben. Daraufhin hatte auch am 11. September 1911 bereits der Osnabrücker Bischof Dr. Hubert Voß für Güstrow bereits einen eigenen Kirchenvorstand eingesetzt und damit den Grundstein für die spätere Gemeinde gelegt. Die Planungen für den Kirchenneubau liefen bereits, als im Jahre 1914 der Ausbruch des ersten Weltkrieges alle Hoffnungen zerstörte.

Zur Unterbringung der vielen Kriegsgefangenen war auf der Großen Bockhorst an der Glasewitzer Chaussee ein Barackenlager eingerichtet worden (38). Die im dortigen Lazarett untergebrachten katholischen Gefangenen, überwiegend Franzosen und Belgier (39), wurden durch den Rostocker Vikar Hemesaat betreut, der jeden Donnerstag das Lager besuchte, um anschließend den Kindern in der Stadt Religionsunterricht zu erteilen.

Ansicht des Lagers 1915   Gefangenentransport 1916   Ansicht des Lagers 1917   kleine Kriegsgefangene

Da die Gefangenenzahl im Lager immer mehr anstieg, wurde für deren Betreuung der Militärpfarrer Bayer eingesetzt, der aber nach einigen Monaten durch den Militärpfarrer Johannes Fischer abgelöst wurde. Dieser war Missionar der Weißen Väter in Brasilien.

Johannes Fischer PA   Johannes Fischer PA   Johannes Fischer PA   Johannes Fischer PA

Durch den Ausbruch des Krieges während eines Heimaturlaubes war er an der Rückreise gehindert und deshalb zur Betreuung des Kriegsgefangenenlagers in Güstrow und des Offizierslagers in Bad kleinen eingesetzt worden. Er wohnte in Güstrow bei der Familie Kasimier Haertlè‚ in der Neuen Straße 27a, und feierte werktags im Wohnzimmer die hl. Messe. Auch hatte er dafür gesorgt, dass in dem Gefangenenlager eine der Baracken als Kirche ausgebaut und mit einer kleinen Glocke, die der Bonifatius - Verein leihweise zur Verfügung gestellt hatte, ausgerüstet wurde.

Ansicht der Barackenkirche um 1917   Ansicht der Barackenkirche um 1917   Innenansicht der Barackenkirche um 1917   Innenansicht mit dem Militärpfarrer Bayer   Weihnachten in der Lagerkirche   Gebetsecke in der Barackenkirche um 1917

Nach der Rückkehr der Gefangenen in ihre Heimatländer im Jahre 1919 gelang es Pfarrer Leffers, eine dieser Baracken, es war nicht die Kirchen- sondern die Wachbaracke, am 11. September 1919 für 2.250,- M zu erwerben. Sie hatte eine Größe von 20 x 10 m und wurde noch im gleichen Jahre auf dem Platz in der Grünen Straße aufgestellt (40).

Unter Verwendung der Inneneinrichtung der Kirchenbaracke des Lagers wurde sie durch die Mitarbeit aller Gemeindemitglieder so rechtzeitig aufgerichtet. Am 24. Dezember 1919 schmückte der Vikar Hemesaat die Kirche noch mit Tannenbäumen und etwas Tannengrün aus. Die Wände waren ja noch das rohe Holz der Wachbaracke, an denen die Soldaten in ihren Mußestunden so manche Inschriften angebracht hatten.
Auch eine kleine Krippe wurde aufgestellt, dieselbe Krippe, die in Rostock bis zum Jahre 1909 immer den Katholiken das Weihnachtsgeheimnis dargestellt hatte.

Ansicht der Barackenkirche in der Grünen Strasse 1919   Krippenansicht

Unbeschreiblich groß war die Freude der Güstrower Gemeinde, als nun am 1. Weihnachtstag der Weihnachtsgottesdienst in dieser "Neuen Kirche" stattfand. Die Gläubigen eilten mit Laternen und Kerzen herbei, um bei der Dunkelheit dem Gottesdienst beiwohnen zu können. In einem freudigen Te Deum dankte die Gemeinde dann Gott dafür, dass nun der Gottesdienst in einem eigenen Kirchlein abgehalten werden konnte.

Der Altar kam aus Rostock von der alten "Flora" (41), der ersten Rostocker Notkirche. Auch sechs Kirchenbänke, zwei geschnitzte lebensgroße Figuren (Maria und Josef mit Sockel (42)) sowie die Kommunionbank stellte die Rostocker Gemeinde zur Verfügung. Als Seitenaltäre dienten auf der einen Seite der Altar des Gefangenenlagers mit dem Bild der "Immerwährenden Hilfe", einem Geschenk aus Aachen für das Lager, auf der anderen Seite ein Herz-Jesu Altar. Auch die Glocke der Lagerkirche fand wieder ihren Platz in einem kleinen Holztürmchen über dem Kircheneingang.

Innenansicht der Barackenkirche um 1919   Barackenkirche um 1919   Glocke der Kirche von 1929 bis heute

Die Dankbarkeit und Freude der Gemeinde über die eigene Kirche kann man sich kaum vorstellen! Es war damit ein lang gehegter Wunsch der Gemeinde in Erfüllung gegangen, auch wenn die Ausstattung der Kirche mehr als dürftig war. Die Beleuchtung bestand aus zwei Flur - Petroleum - Lampen: zur Beheizung diente im Winter ein eiserner "Kanonen-Ofen" mit Schutzmantel, um den sich bei Kälte alle Anwesenden drängten. Im Sommer war die Hitze bei völlig überfüllter Kirche häufig so groß, dass die Leute reihenweise in Ohnmacht fielen - besonders wenn auch noch reichlich für "Weihrauch" gesorgt wurde. Aber das nahmen alle in Kauf; war es doch ihre "eigene Kirche", in der sich die Gemeinde zuerst zweimal im Monat zum Gottesdienst versammelte.
Rechts vom Ofen hing an einem Pfosten ein altes Kruzifix. Der Eingang in die Kirche lag an der Stirnseite in der Mitte, geschützt durch einen kleinen hölzernen Windfang. Links davon stand innen ein Harmonium, dessen Luftbalg beim Spielen immer laut und unüberhörbar "quietschte". Bespielt wurde dieses Instrument in der Woche von Schwester Christel, am Sonntag von Bernhard Braun. Dieser war zwar nicht katholisch, aber von dem ersten Pastor Hemesaat dafür "geworben" worden. Da er oft in der Nacht zuvor noch in einem Lokal zum Tanz aufgespielt hatte, war er morgens in der Kirche manchmal etwas müde und verbreitete oft einen leichten "Dunst". Während der Predigt ging er immer nach draußen, um frische Luft zu "tanken". Er spielte später auch noch in der neuen Kirche auf einem größeren Harmonium, das er wohl selbst beschafft hatte, bis er aus Altersgründen diese Tätigkeit aufgab († 1962). Ab und zu kam es auch vor, dass er beim freien Spiel plötzlich von der Choralform in eine Tanzmelodie geriet, zum Erstaunen aller Anwesenden; aber er merkte es selbst immer sehr schnell. Rechts und links neben dem Altar lagen die beiden Sakristeien, die den Altarraum zu einer Art von "Nische" werden ließen.
Das Glockenseil, das im Windfang der Eingangstür hing, übte auf die Ministranten eine besondere Anziehungskraft aus. Bei jedem Eintritt in die Kirche wurde einmal kurz an dem Seil gezogen. Dann wusste der Pfarrer immer, dass einer seiner Ministranten gekommen war. Diese "ehrwürdige" Glocke hängt heute noch in unserer Kirche und ruft die Gemeinde, wenn auch schon etwas "altersschwach", zum Gottesdienst.

Am 1. April 1920 hatte der Rostocker Vikar Hemesaat als erster Pfarrer die neuen Güstrower Gemeinde übernommen, zu der die drei Amtsgerichtsbezirke Güstrow, Bützow und Krakow mit 168 Ortschaften gehörten. Die erste Wohnung des Pfarrers war ein möbliertes Zimmer in der Grabenstraße 14 bei der Witwe des Kreisarztes Dr. Habermann. Erst im Jahre 1921 konnte das bischöfliche Amt das Haus in der Besserstraße als Pfarrhaus erwerben, in dem eine Vier - Zimmer - Wohnung frei war.

Der erste eigene Pfarrer Heinrich Hemesaat

Durch den Zuzug von katholischen Eisenbahnern aus den Abstimmungsgebieten des ersten Weltkrieges, aus Elsaß - Lothringen, Oberschlesien und dem Rheinland, erhöhte sich nicht nur die Zahl der Gläubigen, sondern die Eisenbahner brachten im Winter auch ihre Karbidlaternen mit, die zur Verbesserung der Beleuchtung an den Wänden aufgehängt wurden. Da diese Eisenbahner zum großen Teil in neu errichteten Dienstwohnungen am Strenzer Weg untergebracht waren, erhielt diese Straße von den Einheimischen bald den Namen: "Polnischer Korridor". Katholisch und Polnisch gehörte damals einfach zusammen!.
Auch unter den Heimkehrern aus den Ostgebieten, die von 1921-1824 in dem ehemaligen Gefangenenlager untergebracht waren, befanden sich stets etwa 40 bis 90 Katholiken.
Da der Militärpfarrer Fischer, der in der ersten Zeit noch in der Gemeinde ausgeholfen hatte, wieder in die Mission nach Brasilien zurückgegangen war, brachte die zunehmende Zahl polnischer Saisonarbeiter die Seelsorge in der Gemeinde, zu der auch die Betreuung des Gefängnisses in Bützow und der dortigen Strafanstalt Dreibergen gehörte, in große Schwierigkeiten. Die Schnitte kamen überwiegend aus Kongress - Polen und sprachen kaum ein Wort deutsch. In der Erntezeit waren an den Sonntagen die Grüne Straße und der Spaldingsplatz häufig mit den bunt geschmückten Leiterwagen "zugeparkt". Zum Schluß des Gottesdienstes fingen die polnischen Arbeiter an zu singen; böse Zungen behaupteten, das Lied hätte mindestens 24 Strophen gehabt! Und unsere Geistlichen waren gezwungen, so schnell wie möglich polnisch zu lernen, denn die Schnitter wollten ja unbedingt auch bei ihnen beichten!

Das kirchliche Leben in der Gemeinde entwickelte sich sehr schnell. So kam es bereits im Jahre 1921 zur Gründung eines "Jünglingsvereins", dem bald der "Männerverein" (43) und der "Jungfrauenverein" (44) folgte. Es fanden alleine im Jahre 1921 im Bereich der Güstrower Gemeinde 226 Taufen, 59 Trauungen und 63 Beerdigungen statt, obgleich die damaligen "Inflationsjahre" bestimmt nicht zu den reichsten Zeiten gehörten.
Da sich die Gemeinde immer mehr vergrößerte, begannen bald erneute Planungen für den Bau eines festen Gotteshauses, für das man zuerst den Platz der 1925 abgebrannten Wollhalle am Wall vorgesehen hatte. Da aber der Kaufpreis zu hoch war, entschloß man sich wieder für den vorhandenen Platz in der Grünen Straße. Der dann genehmigte Entwurf (45) für den Neubau hinter der Barackenkirche stammte von dem Laager Architekten Paul Korff, das Geld vom Bonifatius-Verein und aus vielen "milden Spenden", die der Pfarrer in den Jahren mit unendlich vielen Briefen zusammengebettelt hatte.
Es waren Güstrower Firmen und Handwerker, die den Bau errichteten. Die Maurerarbeiten übernahmen die Firmen Kasch und Feine, das Lamellendach die Firma Eilman & Co, die Tischlerarbeiten wurden durch die Fa. Teßmer, die Klempnerarbeiten durch die Fa. Naumann ausgeführt. Die Verglasungen erfolgten durch die Fa. Kuhlmann, die Malerarbeiten durch die Fa. Beck, während die elektrischen Installationen von der Fa. Lüth u. Wilken ausgeführt wurden. Spätere Kunstschmiedearbeiten führte die Fa. Gielow aus (46).
Im Dezember 1928 begannen die Fundamentierungsarbeiten. Ein Grundpfeiler war fertig geworden, als der strenge Winter 1928/29 einsetzte, der erst im April 1929 erlaubte, die Arbeiten fortzusetzen. Die Grundsteinlegung der Kirche konnte dann am 5. Mai 1929 durch Pfarrer Msgr. Brüx aus Schwerin vorgenommen werden und bereits am 25. August 1929 konnte der Bischof Dr. Wilhelm Berning aus Osnabrück die Kirche St. Mariä Himmelfahrt einweihen.

Architekt Paul Korff   Grundsteinlegung   Bauphase   Bauphase   Bauleute

Einzug zur Kirchweihe 1929   Einzug zur Kirchweihe 1929   Kirchweihe 1929   Innenansicht mit altem Hochaltar   Alte und Neue Kirche 1929  

Dazu waren neben einigen Gläubigen auch die Spitzen der Stadtverwaltung und der evangelischen Kirchen, sowie auch alle beteiligten Bauhandwerker eingeladen worden. Sie wurde nicht nur zum neuen Mittelpunkt der Gemeinde, sondern wegen ihrer Architektur auch zu einem bedeutenden Bauwerk unserer Stadt.

Kaplan Leffers stiftete später für die Kirche nicht nur die Bronzefigur der Gottesmutter (47) an der vorderen Giebelwand, sondern übernahm auch die Kosten für ein Auto und für das 1937 neben der Kirche errichtete Gemeindehaus, das 1996 durch das jetzige Gemeindezentrum ersetzt wurde. Schon vorher, im Jahre 1979, war ein noch an der Straße stehendes baufälliges Wohnhaus mit der Scheune abgebrochen und dafür das Schwesternhaus, das heute auch als Pfarrhaus dient, errichtet worden.

Bronze der Maria heute   Bronze der Maria damals   Kaplan Bernhard Leffers   altes Gemeindehaus   heutiges Gemeindehaus   altes Schwesternhaus   heutiges Pfarr- und Schwesternhaus

Die Arbeit in der ständig wachsenden Gemeinde konnte durch den Pfarrer bald nicht mehr alleine geleistet werden und führte dazu, dass am 16. April 1924 der Seminarpriester Carl Fischer (48) als Hilfsgeistlicher zugeteilt wurde. So konnte jetzt einmal im Monat nicht nur in Bützow und Krakow, sondern auch im Schloß, dem Landesfürsorgehaus, Gottesdienst gehalten werden. Die Gottesdienste in Bützow fanden zuerst im dortigen Schützenhaus bzw. in der Wohnung des Drogisten Dimter, in Krakow in der städtischen Turnhalle, der früheren Synagoge, statt (für die Ministranten immer eine günstige Gelegenheit, nach dem Gottesdienst an den Kletterstangen hoch- und runter zu rutschen). Eine Entlastung kam erst im Jahre 1931, als in Bützow in einer angekauften Villa eine Kapelle eingerichtet und die dortige Gemeinde zu einer selbständigen Pfarrei erhoben wurde.

alte Synagoge in Krakow am See

Ein besonderer Höhepunkt der Gemeinde war immer das Fronleichnamsfest (49). Schon Tage vorher wurden von den Frauen und Jugendlichen Girlanden gewunden, meterweise, um damit die Kirche von innen und außen zu schmücken. Die vier Altäre wurden auf dem Kirchenvorplatz im Garten und hinter der Kirche aufgestellt. Die Ausschmückung übernahmen jeweils die Männer, die Frauen, die Jugendlichen und die Kinder. Jede Gruppe versuchte natürlich, den schönsten Altar zu haben. Am Nachmittag versammelten sich alle in der "Hoffman's Klause" am Inselsee zu Kaffee und Kuchen, Scheibenschießen und Kinderbelustigungen.

Fronleichnam   Fronleichnam   Fronleichnam   Fronleichnam 1954   Fronleichnam 2008

In den zwanziger Jahren war es noch selbstverständlich, dass in der Kirche eine straffe Ordnung eingehalten wurde: Die Männer und Jungen gehörten auf die rechte Seite vor den Josefs Altar, die Frauen und Mädchen auf die linke Seite, die Kinder saßen vorne in den Kinderbänken. Diese waren ohne Lehne und stehen heute noch in den Seitennischen der Kirche. Dass Ordnung und Ruhe bei den Kindern eingehalten wurde, dafür sorgte Schwester Christel, die ihren Platz hinter den Mädchenbänken hatte. Wurden sie zu unruhig, was früher natürlich auch vorkam, dann setzte sie die "Schnatternden" auseinander oder sogar vor oder neben sich in die Bank. Das half auf jeden Fall!
Wie sich die Lage der katholischen Gemeinde in Güstrow verändert hatte, kann man daraus erkennen, dass im Jahre 1927 bereits Religionsunterricht gehalten wurde in den Orten Dehmen, Glasewitz, Spoitgendorf, Wendorf, Dobbin, Alt-Sammit, Rum-Kogel, Groß Breesen und Bellin. Der Zuzug weiterer Katholiken im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg erforderte dann auch die Anstellung eines zweiten Hilfsgeistlichen in der Gemeinde.

Wenn wir auf die Geschichte der katholischen Gemeinde in Güstrow zurückblicken, dann dürfen wir die aufopferungsvolle Arbeit aller hier bisher wirkenden Geistlichen nicht vergessen (50). Die Arbeit auf dem Lande war sehr schwer. Die Kapläne fuhren bei Wind und Wetter in den ersten Jahren mit dem Fahrrad zum Gottesdienst auf die Außenstationen, den Meßkoffer mit allen benötigten Sachen hinten aufgeschnallt. Wenn sie Glück hatten, begleiteten einige Jugendliche aus der Gemeinde sie dabei.
Der Gottesdienstraum: häufig eine Gaststätte, in der noch der Bierdunst des vorigen Abends hing, oder das Wohnzimmer eines Privathauses. Der Raum mußte erst hergerichtet werden, wenn es nicht ein "frommer Geist" bereits übernommen hatte. Vorher aber musste noch in irgendeiner Ecke Beichte gehört werden. Zum Schluß wurde die ganze "Kirchenfabrik" wieder verpackt und die Fahrt ging weiter zur nächsten Station, wo die Gläubigen bereits geduldig vor der Tür warteten. Und das häufig auf drei Gottesdienststationen nacheinander am Sonntag. Erst Kaplan Leffers brachte 1935 sein eigenes Auto mit in die Gemeinde. Der kleine BMW brachte es sogar auf 80 km/h - das war etwas für die mitfahrenden Ministranten, die sich sofort zahlreicher dazu meldeten.

Seelsorge in der Bützower Strafanstalt   Stolze Fahrer der Limosine   Pfarrer Niemeyer mit Fahrer Herr Müller

Im Besonderen aber muß an die segensreiche Tätigkeit von Schwester Christel Barckhof in unserer Gemeinde erinnert werden, die vom 15. August 1925 bis zu ihrem Tode 1945 ihre ganze Kraft unermüdlich eingesetzt hat. Sie wurde schnell zum Angelpunkt für alle Probleme und Schwierigkeiten und dem Pfarrer eine unentbehrliche Hilfe. Durch ständige Hausbesuche kümmerte sie sich auch um den letzten Katholiken in der Stadt, sammelte die Kinder um sich, um sie in der "Frohschar" zusammenzufassen, erteilte ihnen Religionsunterricht, wählte aus ihren Reihen die "Leo-Kinder" (51) aus, die den Alten und Kranken das Kirchenblatt, den "Leo", ins Haus brachten. Sie schmückte die Kirche und verwaltete die Sakristei, kümmerte sich um die Ministranten, gehörte zu den Mitbegründern des "Mütterkreises", vermittelte für Kinder vom Lande einen halbjährigen Aufenthalt im katholischen Rheinland oder Westfalen, und, und, und, ...

Sr. Christel   Sr. Christel   Sr. Christel  

Manchmal fuhr auch Schwester Christel mit einem Geistlichen in die Dörfer, um dort mit den ausländischen Arbeitern eine Maiandacht zu halten oder den Rosenkranz zu beten. Einmal waren zu einer solchen Abendandacht über 200 Teilnehmer versammelt, die in 7 verschiedenen Sprachen ihre Gebete vortrugen und ihre heimatlichen Lieder sangen. Die Dankbarkeit dieser Leute, denen so eine Andacht wieder ein Stück Heimat war, war sehr groß! Schwester Christel war in der Gemeinde gleichzeitig Küster, Organist, Katechetin und Fürsorgerin, Ansprechpartner für alle Notleidenden und Hilfsbedürftigen.
Das Entstehen des "Dritten Reiches" brachte auch für unsere Kirche neue Probleme und Anfeindungen. Es wurden jetzt die Sonntagspredigten von der "Geheimen Staatspolizei" überwacht und 1933 alle katholischen Verbindungen und Vereine verboten. Es gehörte häufig schon viel persönlicher Mut dazu, sich in der Schule und in der Öffentlichkeit zur Kirche zu bekennen, die in der Presse in die unmittelbare Nähe zu den jüdischen Mitbürgern gerückt wurde. Aber durch alle Anfeindungen schlossen sich die Gläubigen nur noch fester zusammen und hielten weitgehend der Kirche die Treue.

Mit dem Kriegsende 1945 (52) und dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" ergoß sich ein Strom von Flüchtlingen, Verwundeten und Kranken auch in unsere Stadt. In diesem Chaos versuchte Schwester Christel - unterstützt durch einige junge Mädchen unserer Gemeinde - , den Flüchtlingen und Verwundeten in den Baracken am Bahnhof zu helfen, soweit eine Hilfe überhaupt möglich war. Für die Rote Armee war am 5. Mai 1945 auch das Pfarrhaus in der Besserstraße geräumt worden. Die Geistlichen, Schwester Christel, die Haushälterin des Pfarrers und 29 weitere Personen fanden eine neue Unterkunft in der Kirche und im kleineren Saal des Pfarrheims in der Grünen Straße. Ein Teil der Möbel stand auf der Orgelempore in der Kirche. Während in der einen Sakristei die Geistlichen wohnten, zog Schwester Christel in die andere. Nach wenigen Tagen aber nahm sie ihre Arbeit in den Baracken am Bahnhof wieder auf. Dabei infizierte sie sich mit der überall herrschenden Ruhr. Auf einer Liege in der Sakristei verbrachte sie ihre Krankentage, um - kaum genesen - wieder den Notleidenden am Bahnhof beizustehen. Bei dieser Arbeit steckte sie sich mit Typhus an, der sie erneut auf das Krankenlager warf. In einer Notbaracke am Schützenhaus lag sie noch 5 Tage in einer abgetrennten Ecke des Flures, bis sie am 27. August 1945 dort starb. Ihre Leistungen für die Güstrower Gemeinde, für die sie sich bis zum letzten Tage verzehrt hatte, wird wohl niemand ganz ermessen können.
Es ist bedauerlich, das die Erinnerung an diese tapfere Frau heute fast schon in Vergessenheit geraten ist. Ihr Grab auf dem Güstrower Friedhof ist nicht mehr vorhanden, aber ein Gedenkstein erinnert noch an ihr Wirken.
Bald nach ihrem Tode wurde ihre Arbeit von einigen aus Schwerin gekommenen "Marienschwestern" weitergeführt (53).

Der Strom der Flüchtlinge und Vertriebenen ließ nach 1945 auch unsere Gemeinde zahlenmäßig stark anwachsen, so dass zeitweise drei Geistliche die Arbeit kaum bewältigen konnten. Durch die Zonengrenzen war Mecklenburg praktisch von dem Osnabrücker Bistum getrennt worden. Deshalb wurde 1946 das Bischöfliche Kommissariat Schwerin errichtet, dessen Leitung dem Schweriner Pfarrer Dr. Bernhard Schräder, dem späteren Bischof, übertragen wurde. In dieser Zeit der religiösen Not kam es aber auch zu einem bisher unbekannten Zusammenwachsen der beiden großen christlichen Kirchen. Fast überall auf dem Lande stellten die evangelischen Gemeinden ihre Kirchen oder Gemeindehäuser zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung. Aus diesem Geiste der Ökumene war es auch möglich, dass am 27. August 1995, also nach 443 Jahren, wieder eine katholische Messe im Güstrower Dom gefeiert werden konnte. Somit schloß sich wieder ein geistlicher Strom, der als katholische Gemeinde in Güstrow dort im Jahre 1226 begonnen hatte.

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war auch eine Neuordnung der Bistumszugehörigkeit Mecklenburgs erforderlich. Am 7. Mai 1993 wurde durch Rom das neue Erzbistum Hamburg errichtet, zu dem auch Mecklenburg gehört. Die Leitung übernahm der frühere Osnabrücker Bischof Dr. Ludwig Averkamp (54), nach ihm Erzbischof Dr. Werner Thissen (55) - seit dem 14. März 2015 ist es Erzbischof Stefan Heße (56).

     

Ein Rückblick in die Geschichte unserer Gemeinde sollte nicht nur interessant und lehrreich sein, sondern muß auch uns selbst vor die Frage stellen, was von der Opferbereitschaft und Glaubenstreue unserer Eltern und Großeltern am Beginn des neuen Jahrtausends noch vorhanden ist. Danken wir Gott für den Weg, den Er unsere Gemeinde im Verlaufe der Jahrhunderte geführt hat, durch alle Tiefen und Höhen, und bitten wir Ihn weiterhin um seinen Beistand und seine Hilfe.

Wilhelm Mastaler, Juli 1999, letzte Ergänzungen 2016         




Quellen- und Literaturverzeichnis

-  Chroniken I.-VI. der katholischen Kirchengemeinde von Güstrow (im weiteren CI-KKGÜ genannt)
-  Chroniken I. und II. der der Missionsschwestern Mariens in Güstrow (im weiteren CII-KKGÜ genannt)
-  Diverse Archivunterlagen der katholischen Kirchengemeinde von Güstrow (im weiteren A-KKGÜ genannt) und aus privater Hand
-  StA = Güstrower Stadtarchiv: diverse Urkunden, Register, Gerichts-, Rats-, Protokoll-, Kämmerei-, Schoss- und Bruchbücher der Stadt
-  LHA (LHAS, MLHAS) = Landeshauptarchiv in Schwerin: LHAS 1.5 - 10.72, Kirchen (Generalia), Urkunden über Kirchen, Klöster, Stifte und Bistümer, Bildungsstätten und Hospitäler, Kirchenbehörden und kirchliche Einrichtungen, Kirchenbuchabschriften (KBA) und -kopien evangelischer und katholischer Gemeinden im Bestand des LHA Schwerin
-  LKA - Evangelisches Landeskirchliches Archiv in Schwerin
-  MJB = Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, 1835-1940, Bd. 1 - 104
-  MUB = Mecklenburgische Urkundenbücher, Bd. I. - XXV. (323, 378, 547, 585, 3211, 3597, 5378, 5577, 5624, 5633, 6244, 6571, 9762, 9764)
-  Regesten = Unveröffentlichte Urkunden, 1401-1500, Mecklenburger Landesarchiv, Schwerin

1  Niemeyer, August. Die Katholische Gemeinde in Güstrow, ihre Geschichte und ihr Gotteshaus, S. 23-24; in: 725 Jahre Stadt Güstrow 1228-1953, Volksdruckerei Ludwigslust (1953)

2  MUB 323 vom 03.06.1226, LHAS / Bosinski, Gerhard. Dom des Nordens. Evangelische Verlags-Anstalt, Berlin 1954. 2. Auflage 1963

3  MUB 378 vom 11.05.1230, LHAS / Schmaltz I., Kirchengeschichte S. 110

4  MUB 547 vom 21.06.1243, LHAS; " Nicolaus, Fürst von Werle, bestätigt des Ritters Heinrich Grube Schenkung von 4 Hufen zu Kleinen Schwiesow an die Domkirche zu Güstrow, und bestimmt die Verwendung des Ertrages. ... Von der 4. Hufe wird der Thesaurus der Kirche einen Drömbt für die Lichter der Kirche, den zweiten für die Kirchengebäude, den dritten für die Lichter der Kirche in der alten Stadt verwenden".
Schröder, Dietrich. Papistisches Mecklenburg, Wismar 1741; " Umb diese Zeit (1459) ist die alte Stadt Güstrow völlig eingegangen, die Kirche daselbsten aber noch stehen geblieben, doch seyn einige Buersleute aus Suckow Vorsteher oder Juraten dieser Kirchen geworden. .."; " Hinrich Lüneborg, Bürger zu Güstrow, verkaufft wiederkäuflich Claus Myrendorp und Claus Rateken, Bauersleute zu Suckow und Vorstehern der Kirchen der alten Stadt Güstrow, Schwerinschen Stiffts, 8 ßl stral. jährlicher Pacht aus seinem Hause zwischen Heinrich Osendorp nach der Kapelle des hl. Blutes und Claus Bülowen für 6 M."

5  MUB 3211 vom 07.01.1308, LHAS; " ... dass das vorgenannte Haus des Heiligen Geistes mit besagter Kirche in einer allseitigen Union und Einheit, ohne jede Möglichkeit der Abtrennung und der Teilung zusammenhängt. ... Dass in ähnlicher Weise auch zwischen der Güstrower Kollegiatskirche und der oft genannten Güstrower Pfarrkirche eine Einheit und Identität unteilbar besteht, erklären wir ... in der vorliegenden Urkunde fest"

6  MUB 3597 vom 23.03.1313, LHAS; " ... Das Domkapitel erlaubt dem Vikar des Hl. Geist – Hospitals, an einem Tragaltar die Messe zu halten. ..."

7  heute beherbergt die Kapelle ein ständiges Krippenmuseum

8  Kirchberg - Chronik (nach einer Umschrift von Fr. Dr. Cordshagen), LHAS, " ... von dem miracule, daz geschach zu Gusterowe an dem heilgen sacramente. Du man schreib dritzenhundirt iar und driszig, du geschach virwar eyn sulch wundir zu Gusterowe, Wis vur geschach zu Cracowe. ..."; vgl. David Franck. Alt- und neues Mecklenburg, Güstrow und Leipzig 1753, Bd. VI.
Westfalen, Ernst Joachim von. Monumenta inedita rerum germanicarum Bd. IV, Leipzig 1745 - S.833, Cap. CLXXVII. " Du man schreib dritzenhundirt Jar, und dritzig du geschah virwar, eyn sulch Wundir zu Güsterowe, als vür geschach zu Cracowe, üm Sante Margreten Tag gar slecht, eyn Jüdynne wart getouft recht, wer mochte do ir toufer syn, daz waz her Johann von Warkentyn, der sy ouch dezbekarte, daz sy den Gelouben larte, eyn Czid nach redelichem synne, ging dy getoufte Jüddynne, uf der strasze in der stad, irs Bruder Wibbegeynte ir drad, dywazirs Brudir Wib gar riche, Lezer hiez syn Name gliche, ... Her Johan do virhörte hart, dy Juden üm dy Missetad, sy loukenden alle soment drad, darnach bevsante sündir wan, ... "

9  Koch. Reformation, S. 18-19, " Die Franziskaner sollen bereits in der Stadt ein Haus besessen haben." / Weißbach, Johannes. MJB 75, S. 113 (1901) in: II. Staat und Kirche in Mecklenburg in den letzten Jahrzehnten vor der Reformation, " In der von unseren Herzögen sehr bevorzugten Stadt Güstrow war die Kapelle des heiligen Blutes verschiedenen Bränden zum Opfer gefallen. Um dem dortigen heiligen Blute durch eine würdige Verehrungsstätte zu ähnlichem Ansehen wie dem in Sternberg zu verhelfen, wollten die Landesfürsten ein Franziskanerkloster daselbst gründen, wozu am 16. Mai 1509 (der Papst) Julius II. seine Erlaubnis gab."
Slg VIII/65, 24.09.1509; Die Herzöge Heinrich und Albrecht bestätigen, dass sie mit päpstlicher Genehmigung ein neues Kloster des Barfüsser Ordens von der rechten Observans bei der Kirche des hl. Blutes errichten dürfen. (10.10.1509 = Zustimmung des Domkapitels durch den Domdekan Zutfeld Wardenberg, den Senior Heinrich Murmann, den Magister Reynardus Holleger, den Scholastiker Peter Sadelkow, den Thesaurar Johannes van Horne und die Domherren Johannes Taue, Nicolaus Hoykendorpe, Johannes Maess und Hermann Borchward zur Klostergründung. (Koch. Reformation, S.22)
Koch. Aufbruch aus dem Geist des Mittelalters, Friedland 1999; Einführung der Franziskaner am 29.04.1510 in das neue Kloster in Anwesenheit der gesamten Güstrower Geistlichkeit.

10  Extract der zum S. Jürgen vor Güstrow gehorige brieffe wie sie Anno 1600 beim Rhate zu Güstrow befunden. vom 28.02.1344, " Johannes und Hinricus die Wanenberge quittiren Johann von Kolne uff nachfolgendes geldt, so sie ihrenthalben außgezahlet, als erstlich hat er ihnen selbst gegeben 36 marck wendisch. Noch 2 ½ marck. Dietrich Probsten und Trpelowen 21½ marck, Conrado Bomstiger 20 marck, Everhardo 17 marck, Berchman 2 marck. Churdt Wosehals 10 marck, Hennekino Brugherstorp 15 marck wendisch. " / MUB 14243 vom 21.12.1345

11  MUB 6592 vom 23.12.1345, " Ich, Jacobus Weytendorf, Pfarrer der Kirche in der alten Stadt Güstrow, wünsche, dass es allen, welche diese Urkunde einsehen oder hören wollen, bekannt wird, dass ich auf jedes Pfarrrecht verzichte, welches diese meine Kirche bisher an dem Hospital des hl. Georg außerhalb der Mauern von Güstrow gehabt hat. Als Entschädigung für diesen Verzicht wird der jeweilige Magister dieses Hospitals an mich Jacob und alle meine Naachfolger, welche die genannte Kirche leiten werden, in jedem Jahr am Tage nach dem Feste des heiligen Bischofs Martin 4 Mark Hebungen in slawischen Pfennigen unaufschiebbar auszahlen."
Schoßbuch 1503—1559 und Erläuterungen zum Schoßbuch von Wilhelm Mastaler, S.5/6; Die Stadt Güstrow zahlte 1509—1516 jährlich den Leprosen (Aussätzigen) auf St. Georg 8 M, von 1517—1559 aber nur noch 6 M.

12  MUB 12855 vom 30.10.1395, " Ein Instrument, darin Nicolaus Bolte, ein Schmidt und Bürger zu Güstrow, einer Frawen Mechtildi Bellin 1 Mk. ierlicher Hebung vorkaufft vor 14 Mk. lüb., welche sie nach ihrem absterben dem Capitel zu Güstrow gegeben, von gedachtem Nicolao Bolten und seinen erben aufzuboren von zwen Morgen Ackers, belegen am Rostocker Wege bis an den alten Kirchhof zwischen St. Jürgens und Kartlowen acker."

13  Regesten vom 16.10.1429, " Curt Nortmann, wohnhaft zu Weytendorp, verpfändet 9 M lüb. Pacht den Vikaren in der Getruden-Kapelle vor Güstrow an seinem Gut und Dorfe Weitendorf."
StA. Akte Patronat der Pfarrkirche, Verfassung, Rechte, 1537/1605 — 1661 vom 07.12.1430, " Bischof Erfridus von Camin weiht mit Zustimmung von Propst und Dekan die Kapelle und den Altar der hl. Gertrud vor der Mauer der Stadt Güstrow und bestätigt die dort errichtete neue Vikarei. "

14  StA. StA. Akte Begräbnisse in der Pfarrkirche, 1539 - 1699 vom Mai 1539, " Auf Anweisung des Herzogs Heinrich dürfen auf dem Pfarrkirchhofe keine Toten mehr bestattet werden, sondern nur noch vor der Stadt auf dem Gertruden—Kirchhof." / Bruchbuch 1561—1585 / Ratsprotokoll 1539

15  MUB 5633 von 1336, " Ordnung und Statuten des Kalands zu Güstrow, aufgerichtet anno 1336."; MJB Bd.8, S.156 " Im Jahre 1843 war im Stadtarchiv zu Güstrow noch das Kalandsbuch, ein Buch des Kalandes oder der Brüderschaft S. Gregorii und S. Augustini, enthaltend Statuten, Einrichtungen, Hebungen, Messen, kurz alle Nachrichten über den Kaland, auf Pergament, aus dem 15. Jh bis 1525". Das Buch ist heute noch vorhanden.
MUB 9762 vom 25.03.1368, " Bischof Johan von Cammin bestätigt die von der Brüderschaft St. Bartholomae, den Klerikern Johann Sternberg und Gerhard von Strunken in der Pfarrkirche gestiftete Kapelle mit Altar. "
MUB 9764 vom 27.03.1368, " Errichtung einer Kapelle der Brüderschaft zu St. Katharinen mit Zustimmung des Kapitels in der Pfarrkirche durch den Priester Johann Stolte u.a. Propst Gerhard und Dekan Bernhard. "

16  MUB 3597 vom 23.03.1313, Die Fürsten Nikolaus, Johann und Johann von Werle verleihen dem Domkapitel zu Güstrow das Privilegium, dass weder innerhalb der Stadt noch außerhalb derselben im Umfange des Kirchspiels kein Bethaus sein noch Messe gelesen werden solle.
MUB 6244 vom 03.11.1342, Die Fürsten Nikolaus III. und Bernhard, Gebrüder von Werle, erklären, dass dem Domkapitel zu Güstrow dadurch, dass in dem neuen Hl. Geist Hause Messe gelesen werde, kein Abbruch an den Privilegien geschehen solle, wonach innerhalb dieses Pfarrsprengels kein Bethaus erbaut und keine Messe gelesen werden dürfe.
MUB 6571 vom 17.10.1345, Propst Herman und der Dekan Albrecht, Domkapitel zu Güstrow, bestätigen, dass der Streit zwischen den Fürsten Nicolaus und Bernhard sowie dem Kapitel zu Güstrow wegen des außerhalb der Mauern der Stadt gelegenen Hauses des St. Georgs - Hospitals beigelegt sei. "... so haben wir Ihnen (den Fürsten) gänzlich überlassen, dass dieses Haus stehen und bleiben soll und dass auch die Kirche geweiht werden muss, in der die vorgenannten Fürsten und ihre rechtlichen Nachfolger für alle Zeit das Patronatsrecht haben werden, wobei wir aber den Priester, der dort jeweils in die Pfründe eingesetzt ist, begünstigen, nämlich dass dieser Priester den Insassen des Hospitals die Beichte abnehmen, ihnen das Abendmahl und die letzte Ölung geben und sie kirchlich beerdigen kann. Wenn auch sonst aus einleuchtenden Gründen von der in Güstrow üblichen geistlichen Regelung abgewichen werden muss, so fördern wir dennoch diesen Priester und Pfarrer der Altstadt darin, seine geistlichen Aufgaben zu erfüllen, wir dürfen und wollen ihn darin keineswegs behindern."

17  MUB 585 vom 20.08.1246, Ein Befehl an die Domherren in Güstrow, "daselbst zu residieren und ihres Amtes in der Kirche warten sollen". Der Absender ist nicht genannt; aber da die Urkunde in Bützow ausgestellt wurde, kann der Befehl nur von dem Schweriner Bischof stammen, obwohl die Domherren seit 1235 nur die Autorität des Camminer Bischofs über sich anerkannten. (MUB 438, 439). Der Bischof von Schwerin hatte anscheinend seine Ansprüche auf Circipanien noch nicht aufgegeben.
Regesten von 1458, Der Propst zu Güstrow Nicolaus Mund "zerfiel mit dem Decano und Capitel daselbst so sehr, dass diese auf den 8. Febr. öffentlich protestirten wider etlich Schmäh-Worte und injurien, so jener wider sie ausgestossen. Doch beyde Teile würden den 13. Okt. dieses Jahres sich wieder vertragen, wie die davon zu Güstrow verhandelten Urkunden bezeugen. (s.a. Schröder, Dietrich. Papistisches Mecklenburg, Wismar 1741)
Regesten vom 05.04.1484 / Witte. Von der Reformation bis zum Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich, Bd. II, Wismar 1813,
" Johannes Mileke, juwer gnade capellan, berichtet den Herzögen Magnus und Balthasar zu Mecklenburg deren durch Johann Thun und Johann Thegeler ihm überbrachte Bitte, ik mochte Tonnyes juwer gnade amptman ex ene uphenghomghe ghevendes valls, dat er nicht erfüllen können, weil de clerik, den he wundet heft, seine Einwilligung dazu nicht geben wollte. Ferner habe er auf Grund des päpstlichen Befehls, Sünden gegen die zehn Gebote zu strafen, jüngst den amptman Tonnyes vor my ghesehet, were he syn echte braken hadde yn deme dat he eyne lose vrowen by sik lecht hadde yn syn bedde, dar apenbar zeghent aff ys yn Gustrow. Da habe dieser ihn vor mer wen twesrighe iude verhöhnt und geschmäht und ihn verfolgt myd syneme quaden vorsate, my to stekende myd syneme hekerlinghe, des he doch nicht wolkonde bekamen. Auch myn pert is my to nichte worden, so dass er es hat töten lassen müssen." / Witte, 10: " Und welches Bild bietet sich uns ... in Güstrow, wo der herzogliche Amtmann Tönnies zum öffentlichen Skandal in wilder Ehe lebte. Als ihn der Kaplan Johann Mileke darum zur Rede stellte, fand er keineswegs das gewünschte Echo einer reumütigen Stimmung des offenbaren Sünders. Der verhöhnte ihn vielmehr, schmähte ihn vor allen Leuten und zwang ihn zur Flucht vor seinem gezückten Heckerling (Dolchmesser), mit dem er ihn zu stechen drohte."
Regesten vom 11.09.1488, Der Kurfürst Johann von Brandenburg bittet die Herzöge Magnus und Balthasar, die Brüder des Predigerordens zu unterstützen und gegen die reformatorischen Gedanken vorzugehen.
Koch. Aufbruch aus dem Geist des Mittelalters, Friedland 1999, S.14, Die Herzöge entscheiden 1512, "... dass kein Geistlicher mehr ohne Befragen und Billigung des städtischen Senats irgendwelches Geld bei den Bürgern in Gebäuden, Ackern, Wiesen und Gärten anlegen dürfe, wenn er nicht den Verlust des ausgeliehenen Kapitals und das ihm dafür Verpfändete hinnehmen wollte."
Schmaltz, Karl. Kirchengeschichte Mecklenburgs, Bd. I, Schwerin 1935, S.296, Alle übertraf 1516 in der Ämterhäufung der Administrator des Schweriner Bistums, Zutfeld Wardenberg, der zugleich Dekan von Schwerin, Propst von Güstrow und Bützow, Archidiakon von Rostock und Triebsees war und daneben noch drei Vikareien in der Georgskirche zu Wismar, je eine in St. Marien und St. Nicolai dort und eine im hl. Geist in Rostock besaß, päpstlicher Protonotar und Kaplan war. Er bezog aus allen diesen Stellen ein enormes Einkommen.
Vitense, S.156, 1516 leistet Herzog Heinrich dem Schweriner Domkapitel für seinen erst 17-jährigen Sohn Magnus den Eid als Bischof.

18  1524 Schmaltz, Karl. Kirchengeschichte Mecklenburgs, Bd. II, S.34, Schwerin 1936; Oberländische Handwerker der herzogl. Münze bringen den reformatorischen Gedanken nach Güstrow. Ostern 1524 predigt der aus Dänemark vertriebene Prädikant Johannes Ludeke im Hl.Geist—Hospital evangelisch, worauf die Domgeistlichkeit die Sturmglocke läuten ließ. Ludeke mußte die Stadt verlassen und war 1525 in Stralsund.

19  vom LHAS. MUB vom 20.06.1549, Landtag an der Sagsdorfer Brücke bei Sternberg und Einführung der evangelischen Religion im ganzen Lande.

20  LHAS. MUB vom 04.04.1555, Der Landtag in Güstrow beschließt abermals die völlige Abschaffung des Papismus, der sich in den Frauenklöstern des Landes noch weitgehend gehalten hatte.
Schmaltz, Karl. Kirchengeschichte Mecklenburgs, Bd. II, Schwerin 1936, S.77; Auf dem Landtage zu Sternberg am 17.07.1555 mußten die Herzöge als Gegenleistung für die Übernahme der fürstlichen Schulden durch das Land einen Revers unterschreiben, in dem sie den Ständen neben der Erhaltung ihrer Privilegien auch die Erhaltung des Landes bei der Ausburgischen Konfession garantieren. Der Grundsatz des Ausburger Religionsfriedens cuius regio, eius religio findet an der wachsenden Macht der Stände seine Schranke.
Schlager, P.Patricius OFM. Geschichte des Franziskanerklosters zu Güstrow; in: Franziskanische Studien 5. 1918, S.62-88

21  StA. LHAS. Visitationsprotokoll 1552; "... Weil sich aber Er Thomas Thome über vielssigs erinnern und allerley christliche underrichtunge ausdrücklich und öffentlich vornehmen lassen, das er die zugestellte Kirchenordnung nicht anzunehmen gedachte, solte er gleich exilium (Verbannung) und anders darüber leiden, und wes er sich verhalten soll einen endtlichen abscheid gebeten, wird auch seine lehne einzuziehen und im bessern gebrauch zuwenden, für billich erachtet. "

22  Förster, Friedrich Christoph. Wallenstein, Herzog zu Mecklenburg, Friedland und Sagan, als Feldherr und Landesfürst in seinem öffentlichen und Privatleben: Eine Biographie. Nach des Herzogs eigenhändigen Briefen und aus den Acten und Urkunden der geheimen Staatsarchive zu Wien, Berlin, München, und der vornehmsten Landesarchive des Königreichs Böhmen, Potsdam 1834, 460 Seiten

23  Lisch, Georg Christian Friedrich. Wallensteins Kirchen- und Schul-Regierung in Meklenburg; MJB Bd. 37 (1872), S. 18-22; " Von ganz besonderm Interesse ist der sehr bemerkenswerthe Umstand, daß Wallenstein schon bei der ersten Einrichtung der Akademie seine und seiner Gemahlin männlichen jungen Verwandten nach Güstrow kommen ließ, um sie unter seinen Augen in der Akademie und am Hofe erziehen zu lassen. Diese blieben auch ununterbrochen in Güstrow, so lange die Akademie bestand."; Wie lange die Akademie bestand, läßt sich nicht mehr genau ermitteln (zwischen April und September 1631 aufgelöst).

24  Als Ireniker unternahm Christoph de Royas y Spinola (span.: Cristóbal de Gentil de Rojas y Spinola; * um 1626 - † 1695) gemeinsam mit dem lutherischen Abt Gerhard Wolter Molanus (Kloster Loccum / Niedersachsen) einen ernsthaften Versuch zur Wiedervereinigung von Katholiken und Protestanten. Er knüpfte seit 1671 mit verschiedenen protestantischen Theologen, Predigern und selbst fürstlichen Persönlichkeiten Unterhandlungen an und bereiste zu diesem Zwecke einzelne Länder, wie Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg, Braunschweig u.s.w. Meistens fand er freundliches Entgegenkommen teils aus Interesse an der Sache selbst, teils auch aus Rücksicht für den Kaiser, als dessen Bevollmächtigter der Bischof erschien (Knöpfler, Alois. Spinola, Christoph Rojas, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Bd. 35, Leipzig 1893, S. 202–204).
Aufgrund seiner Vorschläge trat 1683 eine Konferenz von Theologen zusammen, die unter dem Vorsitz des Molanus von Ostern bis Johanni Beratungen über die Durchführung einer Union diskutierten. Man vereinbarte schließlich eine methodus reducendae unionis ecclesiasticae inter Romanenses et Protestantes, die im wesentlichen Spinola's Programm enthielt, nur in etwas erweiterter Gestalt. Die Frage nach einer möglichen päpstlichen Bevollmächtigung seines Tuns zeigt ein Urteil von Papst Calixt über ihn: "Ich habe den Erzbischoff von Tina etc. so qualificirt gefunden, daß ihm würde ein großes zu tribuiren stehen, wenn er von solcher Erudition sein möchte, als er mit Klugheit und Verstand begabt. Er agnosciret selber solchen Mangel, lasset sich aber gern weisen und ist capable bessere information zu begreiffen". (Unschuldige Nachr. 1713 S. 380. vgl. auch C.M. Hering, Geschichte der kirchlichen Unionsversuche, Leipzig 1838, II, 208 ff.)

25  Wagner, Richard. Studien zur Geschichte des Herzogs Christian (Louis) (1658-1692), MJB Bd. 74 (1909), S. 1-70

26  Nicolaus Stenonis (dänisch Niels Stensen) war Wissenschaftler, Mediziner und katholischer Bischof (* 1638 in Kopenhagen - † 1686 in Schwerin). Am 9. Dezember 1667 konvertierte er zum katholischen Glauben; über seine Motive handelt eine 1671 an Joh. Sylvius gerichtete Schrift Epistola de propria conversione (übersetzt bei Räß VII, 293) und die Defensio et plenior elucidatio epistolae de propria conversione (Hannover 1680). An den 1679 von Leibniz und Spinola eingeleiteten Reunionsverhandlungen beteiligte er sich allem Anschein nach nur ungern.

27  Der Landmarschall Joachim Christoph Hahn (* 1618 - † 1658) war der erste Konvertit zur katholischen Religion im Herzogtum Mecklenburg - Güstrow (Lisch, Georg Christian Friedrich. Geschichte und Urkunden, Geschichte über das Geschlecht Hahn III. A., S. 324-329).

28  Der Jesuitenpater Caspar Sevenstern kam erstmalig 1673 als Missionar an den herzoglichen Hof nach Güstrow. Er war dann mehrfach auf Basedow zu Gast bei den Hahn`s und so konvertierte 1679 auch der Geheimrat Christian Friedrich Hahn (* 1624 - † 1701), Minister des Herzogs Gustav Adolph von Mecklenburg-Güstrow, dank seiner Bemühungen. Sein jüngerer Bruder der Landmarschall Kuno Paris hatte diesen Schritt bereits 1662 in Frankreich getan (Lisch, Georg Christian Friedrich. Geschichte und Urkunden, Geschichte über das Geschlecht Hahn III. A., S. 338-353).
Unter dem Herzog Christian Ludwig II. war es den Jesuiten noch möglich gewesen, auf ihren Reisen durch Mecklenburg Gottesdienste in anderen Orten zu halten und die Sakramente zu spenden. Dies untersagte sein Nachfolger Friedrich der Fromme 1767 jedoch mit Androhung sofortiger Verbannung bei Zuwiderhandlung. Die Auflösung des Jesuitenordens 1773 (1814 dann wieder zugelassen) belastete die Missionspfarreien in der Diaspora noch zusätzlich. Erst unter dem Herzog Friedrich Franz I. konnten sich die Katholiken wieder freier bewegen und durften sogar eigene erste Kirchen bauen (Schwerin, Ludwigslust).

29  Westfalen, Ernst Joachim von. Monumenta inedita rerum germanicarum Bd. IV, Leipzig 1745

30  Urkunde im Archiv der Propsteikirche St. Anna, Schwerin; " Am 30. Sept. 1732 wird auf Ersuchen einiger Güstrower Bürger von dem Notar Gottlieb Queck protokollarisch festgehalten, daß schon seit 15 Jahren (also seit 1717) der Pater Dinon aus Schwerin, einmal jährlich in aller Stille die hl. Kommunion ausgeteilt habe, zuerst im Hause des Frl. Antoni Respetino in der Glevinschen Str. und später in der Wohnung des Frl. von Barholdt am Schloßplatz. " Als Zeugen haben unterzeichnet: Hoflieferant Crotogino; Bürger, Bauer und Freyhändler Hinrich Hotters; Pietschmann; Laborant- und Galanterie-Krämer Balzer Fahrning; Schuster Franz Dresen und Johann Engelstädt. Die Zeugen bestätigen auf Befragen, dass die Austeilung der hl. Kommunion durch Pater Gerhard Dumont mit stillschweigender Duldung des Rates der Stadt erfolgte. Sie sind auch bereit, die unterzeichnete Aussage zu beeiden.

31  Crotogino (mind. 1732 - mind. 1789) war Güstrower Bürger, Hoflieferant, Kaufmann und Schwiegersohn des Wolgaster Bürgermeisters C.F. Cantzler

32  In der Accessions-Akte zum Beitritt in den Rheinbund verpflichtete sich Friedrich Franz I. am 22.03.1808 die rechtliche Gleichstellung der katholischen mit der lutherischen Religion anzuerkennen (1811 offiziell erfolgt). Dies wurde durch den Beitritt Mecklenburgs zum Deutschen Bund 1815 noch weiter gefestigt.
In der folgenden Regierungszeit vom Großherzog Paul Friedrich änderte sich daran auch nichts, doch unter seinem Nachfolger Friedrich Franz II. wurden die Rechte der religiösen Minderheiten wieder stark eingeschränkt. Die Deutsche Bundesakte von 1815 hatte zwar noch ihre Gültigkeit, doch ihre Auslegung wurde anders gehandhabt, es gab nur noch eine Gleichstellung der Bekenntnisse.

33  Die Katholikenzahl in Mecklenburg wird in einem Bericht von Niels Stensen 1685 an die Missionsbehörde Congregatio de Propaganda Fide in Rom mit 20 angegeben (vgl. Aschoff, Diaspora, S.44). Um 1700 gab es in Mecklenburg schon ca. 250 Katholiken (in Schwerin allein 70, in Wismar 100 in der Garnison). Einen sicheren Hinweis für das stetige Wachstum geben die Zahlenangaben über die im Jahr ausgeteilten Kommunionen: 1709 - 125, 1735 - 2000 und 1744 bereits 4000 (Catalogus, vgl. Diederich, Georg.M. Chronik der katholischen Gemeinden in Mecklenburg Bd. II, S.45). Die Anzahl der Katholiken stieg um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Mecklenburg auf etwa 500, betrug 1877 - 2258 (Staatskalender v. 1877), 1910 etwa 19.600, 1930 ca.42 000 und 1939 ca.56 000.
Nach den Volkszählungslisten des Jahres 1819 lebten in Güstrow bereits 26 Katholiken, überwiegend kleine Kaufleute und Handwerker aus Süddeutschland und Böhmen. Ihre Zahl hatte sich im Jahr 1880 schon auf 82 und 1885 auf 174 erhöht (Amtliche Mitheil. des Statist. Bureaus v. 1.12.1880 und 1.12.1885).

34  Pastor Scharenberg in Ludwigslust († 1890) war fast 36 Jahre dort

35  Am Religionskrieg, welcher nach Luthers Tod in Deutschland ausbrach, beteiligte sich Heinrich V., Herzog zu Mecklenburg (der Friedfertige, * 1479 - † 1552) nicht und nahm auch nicht am Schmalkaldischen Bund der protestantischen Fürsten teil. Er widersetzte sich jedoch der Einführung des 1548 vom Kaiser erlassenen Augsburger Interims und genehmigte den Beschluss der mecklenburgischen Stände vom Juli 1549, durch welchen die lutherische Lehre förmlich anerkannt wurde.

36  In einem Schreiben des Pastors Brinkwirth vom 21.1.1899 an das Garnisonskommando zu Güstrow teilt er mit, " dass das gewöhnlich zum katholischen Gottesdienst benutzte Lokal vom Hl. Geist-Hof auch am Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers zur Verfügung steht und dass er den Beginn des Gottesdienstes auf diesen Tag für 9.30 Uhr ansetze ". (A-KKGÜ)

37  "Gutachten" vom 16. März 1919 von M.R. Dr. Elfeldt (A-KKGÜ)

38  Das dem IX. Armeekorps im Zuge des ersten Weltkrieges zugeordnete Kriegsgefangenen-Stammlager in Güstrow auf der Großen Bockhorst war ein reines Mannschaftslager mit der Bezeichnung IX. A.- K.  ( 27 - 04 / 402 ) unter dem Kommando des Infanterie-Generals A. Ferdinand Ludolf von Quast (* 1850 - † 1939). Das ihr zugeordnete Offizierslager befand sich in Bad Kleinen.
Die Kapazität des Lagers war anfangs schon mit 10.000 Plätzen bestimmt worden. Im weiteren Verlauf des Krieges war eine Belegung bis zu 25.000 KgF geplant und auch möglich gewesen. Ob es aber wirklich jemals zu 100% belegt war, ist ziemlich unwahrscheinlich, da sich durch zahlreiche "Aussenstellen" die Belegung des Lagers immer wieder änderte. Im Abschlussbericht der belgischen Generalversammlung vom 10. Oktober 1918 wird die Zahl der in Güstrow und seinen "Aussenstellen" internierten KgF mit 67.785 - mit mindestens 11 Nationalitäten - angegeben. Wenn man sich aber die damalige Bevölkerungszahl von Güstrow im Jahr 1919 mit 19.810 vor Augen führt, war das Lager geradezu eine "Großstadt" vor der Stadt.
Aber auch die Größe des Lagers muß beachtlich gewesen sein. Um eine Menge von 25.000 KgF unterzubringen, mussten mindestens 250 Baracken vom Typ 3 (20 x 10 x 5 m; in Blöcken mit 2 x 6 Baracken zusammengefaßt) vorhanden gewesen sein. Das entspräche in etwa allein nur für die Baracken eine Fläche von 50.000 m². Hinzu kamen noch diverse andere Gebäude und Einrichtungen: eine 10 x 20 m große Wachbaracke, mehrere Lazarettgebäde, Desinfektionsbaracke, Wasserturm, Badeanstalt, Toilettengebäude, Wäscherei, Bäckerei, Küchegebäude, Magazine, Kleiderkammer, Werkstätten (Schusterei, Schneiderei, Tischlerei), Verkaufsladen, Frisör, Poststelle, eine Kulturbaracke mit Theaterbühne, je eine katholische und orthodoxe Kirchenbaracke und ein Sportplatz. Weiter kamen dann noch diverse Flächen zur Unterbringung der Wachmannschaften in Bataillonsstärke, für die Verwaltungsgebäude, Plätze für Apell-, Sport und Freizeit sowie der ganze Sicherheitsbereich hinzu. Außerdem mussten diverse Zufahrts- und Lagerwege geschaffen werden, Brunnen gebohrt und Zäune angelegt. Sogar ein eigener Gleisanschluss für eine Schmalspurbahn wurde von Primerburg bis zum Lager verlegt.
Bewacht wurde das Güstrower Lager von einem Landsturm - Bataillon aus Seligenstadt in Hessen. Es bestand ausschließlich aus gedienten Männern, den älteren und ältesten Reservisten. Genau das richtige um ein Kriegsgefangenenlager zu bewachen. (Mastaler, M. Geschichte des Kriegsgefangenen-Stammlagers IX. A.K. auf der Bockhorst, 2009 - unveröffentlicht / CI-KKGÜ)

39  Die Franzosen bildeten anfangs mit den Russen die größten Gruppen innerhalb des Lagers, gefolgt von den Belgiern (24.07.1915 = 1.800 / 09.12.1916 = 282 / 1917 = 1.364 / 10.10.1918 = 1.224 / 1919 erfolgte die Abreise der Belgier allein in 3 Gruppen, Gruppe I mit 500 Mann), Engländern, Italiener, Serben, Rumänen und Polen. Am 10. Oktober 1918 zählten 67.785 KgF zum "Lagerbestand" von Güstrow. Davon waren: 38.722 Russen, 18.653 Engländer, 5.503 Franzosen, 1.821 Italiener, 1.250 Rumänen, 1.224 Belgier, 83 Japaner, 49 Amerikaner, 47 Portugiesen, 7 Serben und 426 Sonstige.
Nach der Haager "Landkriegsordnung" mussten die KgF-Offiziere nicht arbeiten (daher ihr gesondertes Lager in Bad Kleinen), Mannschaftsdienstgrade hingegen waren zur Arbeit verpflichtet und mussten dies auch innerhalb oder außerhalb des Kriegsgefangenenlagers tun. So lebte auch der größte Teil der Güstrower KgF verteilt in zahlreichen Arbeitskommandos ausserhalb des Lagers. Im Mai 1916 befanden sich so nur 2.788 KgF im Lager, davon 282 Belgier. (Mastaler, M. Geschichte des Kriegsgefangenen-Stammlagers IX. A.K. auf der Bockhorst, 2009 - unveröffentlicht)
Vielleicht sind die Franzosen und Belgier auch wegen des von ihnen selbst geschaffenen Denkmals auf dem sogenannten "Franzosenfriedhof" (1916 eingeweiht, heute noch in Resten vorhanden; er befindet sich östlich des heutigen Flugplatzes / links am Schießstand vorbei) den Güstrowern so in Erinnerung geblieben.
Obwohl sehr viele Tote nach dem Krieg exhumiert und in die Heimat überführt worden sind, befinden sich noch heute dort die Gräber von 573 Russen, 150 Franzosen, 80 Deutschen, 64 Rumänen, 42 Italienern, 20 Belgiern und 5 Polen dort (Angaben auf einem Gedenkstein vor Ort). England hat alle seine Gefallenen hingegen nach Hause geholt.

40  Ein Antrag der Kirchengemeinde die Verbindung Grüne Straße - Hafenstraße herzustellen wurde von der Stadt abgelehnt. Ein von der Stadt vorgeschlagener Standort am Rostocker Platz (am Pfuhl vor dem Rostocker Tor) wurde hingegen von der Gemeinde abgelehnt (Güstrower Zeitung vom 06.08.1919, 103. Jahrgang, Nr. 180). Die spätere Kirchen-Baracke wurde dann am 11. September 1919 für 2.250 Mark von der Militärverwaltung gekauft. Abbruch und Aufbau verzögerten sich, da inzwischen in der Stadt ein Bauarbeiterstreik ausgebrochen war. Am 14. November wurde dann endlich mit dem Abbruch im Gefangenenlager begonnen. Inzwischen, hatte aber die Geldentwertung eingesetzt, Abbruch, Transport und Wiederaufbau kosteten nun bereits 17.451,83 Mark. (CI-KKGÜ)

41  Name der alten Ausspannwirtschaft „Flora“ vor dem Kröpeliner Tor (am Schröderplatz) in Rostock, in der sich seit 1887 die neue Kapelle der Christusgemeinde von Rostock befand. 1872 durfte sich als erster Geistlicher Wilhelm Priem in Rostock niederlassen. Er nutzte eine Kapelle in einem Nebengebäude des Lokals "Bellevue" in der heutigen Blücherstraße. Ein Feuer zerstörte jedoch diese Kapelle 1879. Pastor Ludwig Brinkwirth plante nun einen eigenen Kirchbau, das Schweriner Ministerium und der Rostocker Rat lehnten dieses aber ab. Was gelang, war dann der Kauf der alten "Flora". Erst Pfarrer Wilhelm Leffers erreichte mit der Weihe der Christuskirche das ersehnte Ziel.

42  beides Werke des Osnabrücker Künstlers Ludwig Nolde (* 1888 - † 1958); die Statue der Mondsichelmadonna und die des Josef mit dem Jesuskind wurden vor 1919 von ihm geschaffen, die Bronzeplastik der zum Himmel auffahrenden Gottesmutter Maria aussen an der Kirche (1938 in Osnabrück gegossen) stammt ebenfalls von ihm (A-KKGÜ. Brief von Dr. Gerhard Bosinski an Dechant H. Naczenski vom 05.01.1980 betreff der Werke von L. Nolde und P. Dierkes / vgl. Osnabrücker Mitteilungen, Bd. 81; Aufsatz von H.G. Rabe (1974): Osnabrücker Kunst und Künstler S.60 f)

43  " Im Dezember 1912 war an einem Sonntag Pastor Leffers aus Rostock in Güstrow und hat in der Schule am Hl. Geisthof den Gottesdienst gehalten. Nach dem Hochamt bat Herr Pastor Leffers, Herrn Liepeit und mich (Kasimier Haertlè) zu sich zu einer Besprechung. Herr Pastor Leffers sagte u.a. zu uns, er sehe es gern, wenn hier in Güstrow die katholischen Männer sich zu einer Vereinigung zusammenschlössen, die das katholische Leben in der Gemeinde beleben und fördern sollte. Der Verein soll, wie Herr Pastor Leffers sich ausdrückte, der Eckpfeiler der katholischen Gemeinde sein. Herr Liepeit und ich gingen dann heran, um einige Männer zusammen zu bekommen, um einen Verein gründen zu können. Katholische Männer gab es damals nicht allzuviele in Güstrow. Doch es gelang uns, eine kleine Schar von 8 Männern zusammen zu bekommen. Es waren dies: Nikolaus Liepeit, Kasimir Haertlè, Johann Gohia, Vincent von Cichocki, Joseph Kottmann, Ignatz Gadamski, Peter Becker und Johannes Stommel. Am 23. Februar 1912 gründeten wir dann im Hotel de Russie in der Mühlenstraße (heute das Baranaysche Musikhaus) eine Vereinigung, die den Namen `Katholische Vereinigung zu Güstrow` erhalten hat. " (aus der Gründungsniederschrift, Akten des Männervereins im A-KKGÜ)
Später wurde daraus der Katholische Männerverein (seit 1920), deren Zahl bis 1926 bereits auf 32 Mitglieder stieg.

44  gegründet am 14. Oktober 1925; dem Jungfrauenverein traten anfangs 7 Jungfrauen bei, in den folgenden Versammlungen kamen weitere Mitglieder hinzuzu; zum Vorstand wurden gewählt: Maria Flasspöhler, Schwester Christel, Margarete Peiker und Mathilde Schuhmacher; Am 20. November 1926 wurde aus dem Jungfrauenverein die Marianische Jungfrauenkongregation unter dem Titel der "Unbefleckten Empfängnis Maria" und der Mitpatronin St. Agnes errichtet. Die feierliche Aufnahme fand statt am 12. Dezember 1926 statt. Aufgenommen wurden 9 Vereinsmitglieder und Schwester Christel wurde zur Präfektin der Kongregation ernannt. (CI-KKGÜ)

45  Der Architekt Anton Berger, Mitglied des Güstrower Kirchenvorstandes, der privat sich schon viel mit dem Kirchbau beschäftigt und mancherlei Entwürfe angefertigt hatte, machte dem Kirchenvorstand die Mitteilung, dass er mit Architekten Paul Korff überein gekommen sei, sich für den Kirchbau zu der Firma Korff-Berger zusammenzuschließen und Pläne und Ausführung des Kirchenbaues zu übernehmen. Mit Zustimmung des Bischofs erteilte der Kirchenvorstand dieser Firma den Auftrag, einen Plan zu entwerfen. Da auf dem Grundstück nicht nur die Kirche, sondern auch das Pfarrhaus und ein Pfarrheim gebaut werden sollte, galt es zunächst den Lageplan der einzelnen Gebäude festzulegen, wenn auch vorläufig nur die Kirche gebaut werden sollte. Als günstigste Lösung schien der Plan, die Kirche an der Baufluchtlinie der geplanten Straße soweit zurückzulegen, dass links vor der Kirche noch Pfarrhaus und Pfarrheim gebaut werden konnten. Das hatte auch den Vorteil, dass während des Baus die Notkirche weiter benutzt werden konnte. Der erste Entwurf, der eine dreischiffige Kirche darstellte, wurde aber als zu kostspielig in der Ausführung verworfen (Pläne im Archiv der katholischen Gemeinde). Auf Drängen des Generalvorstandes des Bonifatiusvereins wurde dann ein Entwurf mit einem Lamellendach (System Zellinger) gemacht, da solche Bauten nach Angabe des Generalvorstandes den Bau bedeutend verbilligen würden. Der Kostenanschlag für diesen Plan belief sich auf 62.000 RM, wobei zu berücksichtigen ist, dass nach den vorgenommenen Bohrungen der Baugrund sehr schlecht ist und bis 4 m Torf enthält, so dass die Fundierung sich verhältnismäßig teuer stellte. Dieser Plan, der ebenfalls nach den Ideen des Architekten Paul Korff entworfen war, wurde dann genehmigt. Zur Deckung der Kosten hatte der Generalvorstand des Bonifatiusvereins 30.000 RM bewilligt, wozu dann noch die 10.000 RM von der Pfarrgemeinde gesammelten Gelder kamen. Der Rest sollte angeliehen werden. (CI-KKGÜ)

46  Die Glaserarbeiten beim Kirchbau 1929 wurden nach Aussagen von älteren Gemeindemitgliedern durch die Güstrower Glaserei Paul Kuhlmann (ehemals linkes Eckgrundstück Spaldingsplatzausfahrt / Feldstraße 16) ausgeführt, sehr wahrscheinlich zusammen mit der aus Paderborn stammenden "Westfälischen Kunstanstalt für Glasmalerei und Kunstverglasung" unter dem Inhaber Otto Peters. Dabei haben sie wohl auch die Entwürfe von Prof. Karl Muggly, Maler und Glasmaler an der Kunstgewerbeschule Bielefeld, vor Augen gehabt, sie berücksichtigt, verwirklicht bzw. sogar so ausgeführt.
In einem Brief vom 23.07.1928 machte Ernst Barlach den Bruder von Marga Böhmer (seiner Lebensgefährtin), Karl Muggly, auf den geplanten Bau unserer Kirche aufmerksam. Ob seine Bemühungen ihn für diese Arbeit an den Fenstern zu gewinnen jedoch wirklich zum Erfolg führten, war lange Zeit unklar.
Mit der Hilfe von Reinhard Schlegel, Dr. S.W. Lange und des Muggly-Enkels Prof. Dr. Hardo Bruhns fanden sich jedoch Hinweise auf die 1912 von Otto Peters in Paderborn gegründete "Westfälische Kunstanstalt für Glasmalerei und Kunstverglasung". Sie war erwiesenermaßen (dem Verfasser vorliegende E-mail von Christoph Sander vom 16.11.2007, Mitarbeiter der heute noch als "Glasmalerei Peters Gmbh" existierende Nachfolgefirma) ebenfalls an der Schaffung unserer Fenster beteiligt. In ihrem Werksverzeichnis aus dieser Zeit fanden sich zwar keine konkreten Entwürfe oder gar Fotografien mehr, jedoch ist unsere Kirche und - was besonders interessant ist - auch Prof. Muggly in diesem Zusammenhang mit verzeichnet worden. Ich gehe daher davon aus, dass diese Firma bei den Fenstern unserer Kirche mit beteiligt war. Die Struktur, Wahl und Anordnung der Farben lassen jedenfalls auf eine solche Annahme schließen. (A-KKGÜ / Mastaler, M. Die Glasfenster der Katholischen Kirche zu Güstrow, 2007 - unveröffentlicht)

47  Die Bronzeplastik außen rechts an der Kirchenwand stellt die zum Himmel auffahrende Gottesmutter Maria dar (1938 nach einem Entwurf des Osnabrücker Künstlers Ludwig Nolde (* 1888 – † 1958) gegossen). Sie wurde, ebenso wie auch das erste Gemeindehaus, von dem Güstrower Kaplan Bernhard Leffers, dem späteren Pastor von Warnemünde 1938 gestiftet.
Die Figur befindet sich erst seit dem 15. August 1938 an der Kirche. Sie wurde in der Württembergischen Metallwarenfabrik in Osnabrück gegossen, ist 2 ½ m hoch und ihr Gewicht beträgt 225 kg. (A-KKGÜ)

48  Carl Fischer (warum er sich dann später in Karl umbenannte ist ungewiss) war erstmalig von 1924-25, ein zweites Mal von 1926-27 in Güstrow als Kaplan tätig. In Bremen war er vier Jahre als Rektor der Raphaelskapelle und Auswandererseelsorger von 1928 bis 1932 und als Redakteur des Bremer Kirchenblattes "Ansgarius" beschäftigt. Im Jahr 1932 kam er als Pfarrer von Parchim zurück nach Mecklenburg und ab 1938 als Pfarrer nach Neubrandenburg. Von September 1946 bis zum Oktober 1952 (lt. Papiere bis 11.02.1955) war er Pfarrer in Neustrelitz. Am 01.07.1955 wurde er pensioniert und ist aus dem aktiven kirchlichen Dienst ausgeschieden und am 13.06.1961 erfolgte die Suspendierung von seinem Priesteramt durch den Schweriner Bischof Dr. Bernhard Schräder.
Soweit seine "kirchliche Karriere". Seine politische war für einen katholischen Priester sicher ungewöhnlicher, seine schriftstellerische noch viel mehr. Seinen "politischen Harakiri" in der damaligen DDR besiegelte er mit einer zweiseitigen "wissenschaftliche Abhandlung" (mit der Bitte um Weiterleitung an die Staatsorgane) vom 21. März 1964. Sie machte ihn trotz seiner Dienste für Partei, Staat und Mfs zur Unperson in der DDR bis hin zu seinem Tod 1972 in den Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal. (mehr auf der Homepage der katholischen Kirchengemeinde von Güstrow oder bei: Schäfer, Bernd. Priester in zwei deutschen Diktaturen. Die antifaschistische Legende des Karl Fischer (1900–1972)

49  Fronleichnam, das " Hochfest des Leibes und Blutes Christi " wird immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten, also 10 Tage nach Pfingsten, gefeiert. Der Name "Fronleichnam" stammt von "fron", "Herr", und "lichnam", "Leib", weist also nicht auf einen Leichnam sondern auf die Elemente der katholischen Eucharistie hin. Im Jahr 1264 bestimmte Papst Urban IV. dieses Fest in der Folge des Blutwunders von Bolsena für die gesamte römisch - katholische Kirche, 1317 legte Papst Johannes XXII. den Donnerstag als Festtag fest.

50  Eine Auflistung und Beschreibung aller Geistlichen ist auf der Homepage der katholischen Kirchengemeinde von Güstrow zu finden

51  Die "Leo-Kinder" waren ein Kinderverein in der Gemeinde. Benannt waren sie nach dem "Leo", dem katholischen Sonntagsblatt. Diese Gruppe von anfangs 6 Mädchen (1933 bereits 22) kamen seit 1927 regelmäßig jeden Donnerstag, zuerst in dem kleinen Stübchen von Schwester Christel zusammen. Im Pfarrhaus hatten sie dann seit 1932 ein eigenes Vereinszimmer, worin sie ihre "Arbeit" aber auch Spiele und Basteleien machen konnten.
" ... Kennt ihr den "Leo", das katholische Sonntagsblatt ? Jeden Donnerstag wird er von uns verpackt und an ungefähr 100 katholische Familien, die auf dem Lande wohnten, verschickt. Manchmal packen wir auch den "Frohmut" und den "Schutzengel" für die Kinder dazu. Ja, was meint ihr wohl, zu unserer Pfarrei gehören 3 Städte und 154 Dörfer. ... Wenn dann unsere Arbeit getan ist, juchhei! Dann kommt das Spiel. Bei schönem Wetter gehen wir zur Kirche. Hinter der Kirche haben wir einen schönen, freien Platz zum Spielen. Dort machen wir Volkstänze und Kreis- und Ballspiele. Dazu singen wir die Lieder aus "Lieb' Nachtigall". Oft helfen wir auch unserer Gemeindehelferin die Kirche schmücken. ... Fein ist es immer Weihnachten bei uns, dann haben wir "Leo Kinder" zur Belohnung eine Extrafeier. Im Sommer gibt's immer einen großen Ausflug. ..." (Oleschinski, Lotte. Grüß Gott aus Mecklenburg, Schreiben vom 27.08.1933; A-KKGÜ)
Im September 1933 wurden die ehemaligen "Leokinder" dann in die Mädchen-Jungschar aufgenommen.

52  Von der katholischen Gemeinde waren allein 43 Personen von 1940 bis September 1944 gefallen.
Am 29.4.1945 erhielt das Katholische Pfarramt in Güstrow folgenden Brief vom Kriegslazarett (mot) 1/684 (der Lehrerbildungsanstalt): " Am 29.4.45 ist im hiesigen Lazarett der Kriegspfarrer Karl Engmann an seiner Verwundung verstorben (Oberschenkelschußbruch). Die Beerdigung findet am 3.5.1945 in Güstrow statt. Personalien: Erk. Marke, Wehrkr. E. Dep. XII; Feldpostnr. 00401 gez.: Oberzahlmeister" Er hat seine letzte Ruhestätte auf dem hiesigen Heldenfriedhof gefunden, ruht dort mit 13 anderen Kameraden in einem gemeinsamen Grab, das von August Niemeyer kirchlich eingesegnet wurde. Die Eintragung in das Sterberegister unseres Pfarramtes geschah unter der Nr. 1945/43. Heute wird ihm am gemeinsamen Grab der katholischen Geistlichen auf dem Güstrower Friedhof gedacht (s.a. Bild "Priestergrab").
In den Tagen zum Kriegsende und darüber hinaus kamen zahlreiche Flüchtlinge in Güstrow an. Am Bahnhof wurde ein katholischer Bahnhofsdienst eingerichtet. Besonders die Kinder wurden hier von einigen katholische Mädchen und Frauen aus der Gemeinde gewaschen und sauber gemacht. Für die Kranken und Verletzten wurden viele Schulen der Stadt genutzt (Hl. Geist-Schule, Wilhelm Gustloff-Schule in Dettmannsdorf - sie war schon vorher als Lazarett genutzt worden) aber auch die Villa Maria wurde als Hospital eingerichtet. Als zeitweilige Schwestern stellten sich auch einige katholische Mädchen (z.B. Luise Oleschinski) zur Verfügung. Die Auflösung der Katholischen Bahnhofsmission erfolgte dann am 16.02.1953.
Auch war es möglich, eine kirchliche Angestellte in den Bahnhofsdienst zu stellen, um den Reisenden behilflich zu sein. So wirkte dort Maria Krause von 1950 bis 1954 und Gertrud Koch von 1954 - 1956. (CII-KKGÜ)

53  Am 15. Juli 1946 kamen die ersten Marienschwestern in die Gemeinde, Schwester Helena und Schwester Borgia. Schwester Borgia widmete sich besonders der Kranken- und der Familienpflege. Einen Tag später legte die erste Ordensschwester aus unserer Gemeinde in Heiligenstadt ihr Ordensgelübde ab, Elisabeth Passehl. (CII-KKGÜ)

54  Alterzbischof Dr. Ludwig Averkamp (* 16. Februar 1927 in Velen, Kreis Borken / Westmünsterland)
04.11.1994 - Ernennung zum ersten Erzbischof des neuen Erzbistums Hamburg
07.01.1995 - Amtseinführung als Erzbischof von Hamburg
16.02.2002 - Emeritierung (75. Geburtstag und Amtsverzicht)
29.07.2013 - in Hamburg verstorben

55  Erzbischof Dr. Werner Thissen (* 3. Dezember 1938 in Kleve)
25.01.2003 - Amtseinführung als Erzbischof von Hamburg
21.03.2014 - Emeritierung (75. Geburtstag und Amtsverzicht)

56  Erzbischof Dr. Stefan Heße (* 7. August 1966 in Köln)
24.03.2015 - Amtseinführung als Erzbischof von Hamburg



Abbildungen und Fotos
- Ansicht von Güstrow aus dem Jahr 1726. Müller, W. Buch zur Domgeschichte, 1934
- Ansicht der Domkirche von 1917. Superintendent A. F. Fuchs
- Bild von Nils Stensen. J. P. Trap, 1868
- Fotos der Zeit zwischen 1880 und 1980 um die katholische Gemeinde. Archiv der katholischen Kirche von Güstrow
- Fotos vom Kriegsgefangenen-Stammlager auf der Bockhorst. aus der Privatsammlung von Norbert Haertlè
- Fotos der Kirche etc. Astrid Bartels & Mathias Mastaler
- Bilder der Erzbischöfe von Hamburg. Archiv der katholischen Kirche von Güstrow

 


 

      Weitere Infos auf der Homepage der Katholischen Kirche von Güstrow   

nach oben  

 

zurück zur Startseite 

 

© Wilhelm & Mathias Mastaler 2011